Nach Corona: Weiter so? Oder hoffentlich nicht…

Was hat Kirche aus Corona gelernt? Nach der Schockstarre reibt mancher sich die Augen und möchte so schnell wie möglich wieder zurück ins normale Kirchenleben. Aber was ist für Kirche eigentlich „normal“? Das haben wir Dr. Klaus Douglass gefragt und er macht Mut zu neuen Wegen.

Ich unterhielt mich dieser Tage mit einer jungen Pfarrerin, deren Gemeinde in der Coronakrise eine erstaunliche Entwicklung genommen hatte. Der Gottesdienstbesuch ihrer Gemeinde hatte sich trotz pandemiebedingter Einschränkungen fast verdreifacht. Die vormals recht kleine Schar der gemeindlich Aktiven hatte sich geöffnet und in der Krise mit verschiedenen Akteur*innen des Ortes kooperiert, um Masken zu nähen, Hilfsbedürftige zu unterstützen und gemeinsame Projekte zu stemmen. Ganz allgemein waren das Wir-Gefühl und der Zusammenhalt nicht nur innerhalb der Gemeinde, sondern auch innerhalb des Ortes deutlich gewachsen. Natürlich war Corona auch dort eine schlimme Zeit gewesen. Aber irgendwie hatte die Krise die Menschen dazu gebracht, zur richtigen Zeit die richtigen Dinge zu tun bzw. sich auf das zu konzentrieren, was im Endeffekt wirklich zählt: nämlich die Weitergabe von Glaube, Liebe und Hoffnung.

Endlich wieder Gottesdienste wie früher!?

Allerdings, so erzählte die junge Kollegin, waren im Frühsommer, als die Impfkampagne endlich zu greifen begann, gleich mehrere der früheren Gottesdienstbesucher*innen zu ihr gekommen und hatten gesagt: „Gott sei Dank, Frau Pfarrerin, jetzt können wir endlich wieder Gottesdienste und Veranstaltungen wie früher machen!“ Mit diesen Worten, so ergänzte sie, war die klare Erwartung verbunden, dass man endlich mit den ganzen Neuerungen aufhören und wieder zur guten alten Normalität zurückkehren solle.

Was uns zu der Frage bringt: Was ist für uns als Kirche eigentlich „normal“? Viele beantworten diese Frage aus der Vergangenheit heraus: Normal ist, was allgemein üblich ist. In diesem Sinne waren liturgische Gottesdienste mit einem Besuch von nicht einmal zwei Prozent der eigenen Mitglieder (von Nichtmitgliedern ganz zu schweigen) bis vor Kurzem „normal“. Oder Gemeinden, die sich stark nach außen hin abschotten, um eine Binnenkultur zu pflegen, die für Außenstehende weder leicht zugänglich noch inhaltlich nachvollziehbar ist. Das Problem mit diesem – vornehmlich an der vorhandenen kirchlichen Praxis orientierten – Normalitätsbegriff ist, dass das, was kirchliche Insider als „normal“ ansehen, für Außenstehende oft das genaue Gegenteil ist. Es ist für sie „unnormal“, weil es ihrem Lebensgefühl und ihrer Lebenswirklichkeit nicht nur nicht entspricht, sondern oft sogar widerspricht.

Was ist der Auftrag?

Vielleicht würde es helfen, wenn wir als Kirche den Begriff der Normalität nicht an dem festmachten, was allgemein üblich, sondern an dem, was uns aufgetragen und verheißen ist. Der Auftrag der christlichen Gemeinde wird in Matthäus 28,18-20 definiert: Geht hin zu den Menschen, gewinnt sie dafür, Jesus Christus nachzufolgen, integriert sie in eure Gemeinschaft und helft ihnen, sich im Wort der Heiligen Schrift zu verwurzeln. – Dass das geschieht, darf allein der Maßstab kirchlicher Normalität sein. Und umgekehrt: Wo das nicht geschieht, ist das eben nicht „normal“, selbst wenn wir da- bei auf eine noch so lange Tradition zurückblicken können und wenn dabei noch so viele fromme Worte gemacht werden.

Was die junge Kollegin in ihrer Gemeinde gemacht hat, war in diesem auftrags- und verheißungsorientierten Sinne „normal“. Als die herkömmlichen Gottesdienste coronabedingt nicht mehr durchgeführt werden konnten, wich sie auf andere Formate aus: Gottesdienste im Freien, Hausgottesdienste und Gottesdienste im Netz, wobei sie nicht einfach die klassischen Formate ins Internet streamte, sondern einfache Formate mit vielen Möglichkeiten zu Beteiligung entwickelte. Allesamt sehr persönliche, kommunikative und auf Be- ziehung ausgerichtete Formate.

Persönlich, kommunikativ, auf Beziehung aus

Ich glaube, dass solche Elemente der Beteiligung und des Zusammenwirkens unumkehrbar zur Zukunft nicht nur des Gottesdienstes, sondern unserer Kirche überhaupt gehören: Kirche in den unterschiedlichsten Netzwerken unserer Gesellschaft, Kirche im Sozialraum, Kirche in ökumenischer Weite und Kirche in globaler Verbundenheit: Wo immer Gemeinden sich in den Monaten der Pandemie auf einen derartigen Weg gemacht haben, haben sie inmitten der Krise einen guten Schritt nach vorne gemacht. Und es wäre jammerschade, wenn sie der Versuchung erlägen, nach Abklingen der Pandemie wieder zur alten „Normalität“ zurückzukehren. „Normal“ im auftrags- und verheißungsorientierten Sinn ist, was Menschen mit dem Evangelium in Berührung bringt, was ihnen hilft, sich darin zu verwurzeln und was sie dazu bringt, selbst Glaube, Liebe und Hoffnung weiterzugeben.

Wenn das mit den alten Mitteln und Formen besser gelang als mit den neuen, sollten wir zu diesen zurückkehren. Wenn die neu gefundenen Formen und Mittel allerdings hilfreicher sein sollten, sollten wir uns getrost von den alten verabschieden und auf jenem Weg weitergehen, den Gott uns in den letzten anderthalb Jahren geführt hat.

Dr. Klaus Douglass, Pfarrer und Direktor der evangelischen Zukunftswerkstatt midi in Berlin

Kloster Hirsau: Neue Wege in alten Mauern

Tradition und Innovation: ein Gegensatz? Sebastian Steinbach gebeten, die beiden Begriffe aufgrund seiner praktischen Erfahrung zu reflektieren. Seine spannenden Einblicke in „neue Wege in alten Mauern“ machen Mut, diese Spannung auch anderswo aufzunehmen und alte Kirche neu zu (er)leben.

Innovation und Tradition brauchen einander. Ich spüre das hier in unserem alten Kloster Hirsau. Denn Innovation geschieht ja nie im luftleeren Raum, Innovation ist nie etwas vollständig Neues. Vielmehr verknüpft Innovation bereits Bestehendes, „Traditionelles“ auf kreative, neuartige Weise.

Unsere kirchliche Tradition hält eine Unzahl an alten Schätzen bereit: jahrhundertealte, faszinierende, durchbetete Kirchen, „mystische Orte“. Jahrhundertealte, kraftvolle Symbole. Jahrhundertealte, herzanrührende Texte. Jahrhundertealte, lebens- und glaubensformende geistliche Übungen. Jahrtausendealte, lebensverändernde biblische Schriften. Dazu eine knapp zweitausendjährige Kirchengeschichte, in der Kirche schon eine Menge entwickelt, ausprobiert und angestellt hat, aus dem wir lernen können.

Jahrhundertalte Mauern

Hier in Hirsau haben wir jahrhundertealte Mauern und eine bewegte Kloster-Geschichte, die allerdings mit der Reformation endet. Mehr als fünfhundert Jahre lang haben Mönche hier Tag und Nacht gebetet. Vor knapp eintausend Jahren hat von hier die sogenannte „cluniazensische Reform“ – eine der großen geistlichen Klosterreformen – in den gesamten deutschsprachigen Raum ausgestrahlt. Menschen spüren, dass dies ein „heiliger Ort“ ist.

Zugleich erzeugen diese Tradition und Geschichte bei vielen Menschen, die das Kloster Hirsau besuchen, einfach „nur“ eine Art diffuses heiliges Gefühl. Sie bringen sie nicht in Verbindung mit ihrem Leben und ihrem Alltag – die klösterlichen Gelübde wie Armut, Keuschheit und Gehorsam. Das ständige Gebet. Die tiefe Gottessuche der Mönche.

Die reine Tradition reicht nicht

Unsere Welt verändert sich seit Jahrzehnten mit exponentiell wachsender Geschwindigkeit. Raketenschnell entfernt sich unsere jeweils aktuelle Lebenswirklichkeit von der Lebenswirklichkeit früherer Jahrhunderte. Genau aus diesem Grund brauchen wir Innovation! Innovation ist das notwendige Bindeglied zwischen unseren kirchlichen Traditionen, unseren alten Schätzen und unserer aktuellen, sich rasant entwickelnden Wirklichkeit.

Hier eine kurze und unvollständige Liste, was es meiner Erfahrung nach für die Entwicklung von Innovation braucht: Mitarbeiter, die offen für Neues sind. Neugier. Experimentierfreude und Risikobereitschaft. Freiräume für Kreativität, zeitlich und örtlich. Geld. Flexible Strukturen. Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Und Inspiration. Zum einen von „Profis“: von Menschen, die von außen kommen und sich mit Innovation auskennen. Zum anderen und vor allem:  von Gott selbst.

Tradition übersetzen, Innovation entwickeln

Und so entwickeln wir hier in Hirsau seit vielen Jahren Angebote, in denen wir versuchen, die Tradition und Geschichte dieses Ortes erlebbar zu machen und in unsere heutige Lebenswelt zu übersetzen. Wir schaffen Erlebnisräume wie geistliche Führungen, kreative Gebetsstationen, moderne Tagzeitengebete und Ausstellungen, in denen Menschen dem „Gott dieses Ortes“ – also unserem guten, dreieinigen Gott – begegnen können. Erlebnisräume, in denen sie klösterliche Prinzipien wie Einfachheit, Rückzug und Stille entdecken und ausprobieren können. Dazu lassen wir die Mauern dieses alten Ortes ins Digitale wachsen. Wir experimentieren mit Formen von digitaler Spiritualität, weil wir uns wünschen, dass Menschen auch zuhause weiter mit den Impulsen umgehen, denen sie hier an diesem Ort begegnet sind.

Orte der Gottesbegegnung

Seit September findet sich all das auf unserer wunderschönen Website www.amen-atmen.de Ab nächstem Jahr soll es mit www.lebensliturgien.de  eine eigene Website (oder Webapp) mit Tagzeitengebeten zum Hören für jeden Tag geben (jetzt schon als Podcast: „Lebens Liturgien“), dazu einen gleichnamigen Instagram-Kanal. Auf diesem Kanal werden kleine „Häppchen“ der je aktuellen Tagzeitengebete erscheinen, dazu Zitate, Informationen und Gedanken zu den Themen Gebet, Tages-Rhythmus, Stille und Fokus.

Unsere Hoffnung und unser Gebet ist, dass das alte Kloster Hirsau auf diese Weise wieder neu zu einem Ort der Gottesbegegnung und des Gebets wird. Zu einem Ort, an dem Menschen der Schönheit und Faszination Gottes und des Gebets neu und tiefer begegnen.

– Sebastian Steinbach, Pfarrer in Hirsau, ist fasziniert davon, welch tiefe Erfahrungen Menschen an diesem alten Klosterort machen und was digital an Spiritualität möglich ist.