Kommentar zum Wahlprogramm der Offenen Kirche

Das Wahlprogramm der Offenen Kirche steht unter der Überschrift „Kirche hat Zukunft“. Das lässt hoffen, umso mehr, als die Einleitung verspricht: „Mit diesem Wahlprogramm wollen wir Ihnen die OFFENE KIRCHE mit ihren Visionen, Hoffnungen und ihrer Glaubenszuversicht näher bringen.“ (S. 3) Leider findet sich dann aber wenig Visionäres für die Zukunft der Kirche. Fast alles soll so bleiben wie es ist.

Zunächst geht es unter der Überschrift „Was uns wichtig ist“, um ein kirchliches Profil, das an vielen Stellen bereits Realität ist. Die ersten beiden Punkte „Christlicher Glaube und Spiritualität als Quelle des eigenen Handelns“ und „Demokratie und verantwortliches Handeln in Kirche und Gesellschaft“ bringen nichts Neues. Stillstand aber ist Rückschritt. Die Menschen von heute werden auf den klassischen Wegen immer weniger erreicht.

Bei den nächsten beiden Punkten „Geschlechter – gleich an Würde und Rechten“ und „Kirche auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens“ hat die Kirche durchaus noch Nachholbedarf.

Die zweite große Überschrift benennt dann die „Ziele für die Synodalperiode 2020-2025“. Da heißt es gleich am Anfang: „Die OFFENE Kirche setzt sich dafür ein, dass unsere Landeskirche es Kindern, Jugendlichen und Erwachsenenleichter macht, in Verbindung zu kommen mit Religion und Glauben, z.B. in Jugendkirchen, Citykirchen, im Religionsunterricht, durch den Dienst in der Arbeitswelt, in Krankenhäusern und bei der Notfallseelsorge.“ (S. 12) Das Ziel ist gut. Die Mittel um das Ziel zu erreichen sind allerdings die alten. D.h., es fehlt eine Idee, wie das Ziel erreicht werden kann, außerhalb eines „weiter so, wie bisher“.

Genau dieses Problem zeigt sich bei vielen weiteren Forderungen. Es fehlen innovative neue Ideen. Es fehlen Visionen für die Zukunft der Kirche. So wird beispielsweise gefordert, „dass unsere Landeskirche die Kürzungen zurücknimmt bei Einrichtungen, die besonders im gesellschaftlichen Bereich tätig sind, wie z. B. beim Friedenspfarramt, dem kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt und der Evangelischen Akademie Bad Boll, dem Dienst für Mission und Ökumene, bei den Studierendengemeinden und Krankenhäusern.“ (S. 15) Auch hier geht es nur darum, die klassische kirchliche Arbeit zu erhalten bzw. wieder neu zu stärken und auszubauen. Aber mit genau dieser Arbeit erreichen wir seit Jahren immer weniger Menschen. Neue Ideen sind gefragt, wenn die Kirche eine Zukunft haben soll.

Bei den weiteren Forderungen gibt es dann noch manche Merkwürdigkeiten. So setzt sich die Offene Kirche z.B. dafür ein, „dass unsere Landeskirche Strukturen schafft, die den kommunalen Strukturen entsprechen“ (S. 16). In dieser Pauschalität ist das ziemlicher Unsinn. In größeren Städten müssten dann beispielsweise alle Kirchengemeinden im Stadtgebiet (also auch alle Kirchengemeinden der kommunal eingemeindeten Dörfer) zu einer Kirchengemeinde werden. Solche Mega-Einheiten bringen die Kirche sicher nicht näher zu den Menschen.

Dann wird gefordert, „dass unsere Landeskirche den Kirchengemeinden die vollständige Finanzhoheitüber ihre Mittel einräumt und keine Mittel zurückhält.“ (S. 16) Was ist damit gemeint? Eine genauere Erklärung wird nicht gegeben. Der Satz suggeriert jedoch, dass die Landeskirche eigenmächtig Gelder, die ihr nicht zustehen, zurückhalte. Wo ist der Beleg für solch eine Behauptung?

Die nächste Forderung enthält einen Widerspruch in sich. Da heißt es, „dass unsere Landeskirche im Detail einen Systemwechsel prüft und in einigen ausgewählten Modellbezirken erprobt: Kirchengemeinden bekämen in einem festgelegten Rahmen die Möglichkeit, Pfarrstellen zu erhöhen und dafür in anderen Bereichen zu kürzen oder Pfarrstellen zu reduzieren und in anderen Bereichen Stellen aufzustocken (z.B. Sekretariat oder Geschäftsführung)“ (S. 16). Was hier beschrieben wird, ist alles andere als ein Systemwechsel. Das sind allenfalls kleine Schritte, um neue Spielräume im bisherigen System zu eröffnen.

Schließlich wird gefordert, „dass unsere Landeskirche an der Vielfaltin der Volkskirche und in den Kirchengemeinden festhält und diese fördert und so Neugründungen von Gemeinden nicht notwendig macht.“ (S. 16) Dies ist ein klarer Widerspruch zu den theologischen Grundlagen der Offenen Kirche. Dort heißt es: „Für die OFFENE KIRCHE orientiert sich der Aufbau der Kirche an ihren Aufgaben. Kirche ist da, wo die Frohe Botschaft gemeinschaftlich gelebt und weitergegeben wird. Von daher kann Kirche aus einer großen Vielfalt von Einrichtungen und Organisationsformen bestehen.“ (vgl. https://www.offene-kirche.de/theologische_grundlagen.html) Entweder will man neue Organisationsformen oder es bleibt alles beim alten. Man kann sich nicht Offene Kirche nennen, wenn man nicht offen ist.

Positiv ist der Vorschlag einer „Erneuerung der Kirchenverfassung“ (S. 17) Das ist allerdings der erste Vorschlag, der in die Zukunft weist. Doch bleibt vieles in sich widersprüchlich. Die Forderung nach einer „innovativen Kirche“ (S. 18) passt so gar nicht zu diesem nahezu innovationsfreien Wahlprogramm. Es heißt zwar am Ende: „Zugleich möchten wir Gestaltungsräume finden, in denen neue Formen des Miteinanders entwickelt und erprobt werden können.“ (S. 19) Das gesamte Wahlprogramm bleibt aber beim strukturellen „weiter so, wie bisher“. Angestrebtes Ziel und eingesetzte Mittel passen nicht zusammen.

Wenn die Kirche eine Zukunft haben soll, braucht es neue innovative Ideen. Ein starres, strukturkonservatives Festhalten an der Vergangenheit ist keine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit.

Dr. Jens Schnabel, Pfarrer, 1. Vorsitzender von Kirche für morgen

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