Statement der Gruppe wuestenstrom e.V. zum Thema Homosexualität

Vorgetragen beim „Runden Tisch zum Thema Homosexualität“ von Kirche für morgen am 30.05.2011 in Herrenberg

Erklärung von wüstenstrom e.V. – zusammen mit vielen Menschen, die mit ihren Fragen und ihrem Umgang mit homosexuellen Empfindungen von der Kirche wahrgenommen werden möchten

Mit dieser Erklärung wenden sich all jene betroffenen Frauen und Männer an die Kirche, die ihre Homosexualität als nicht zu sich gehörend empfinden, und die sich wünschen, von der Kirche, ihrer Theologie und ihrer Seelsorge darin ernstgenommen zu werden, dass sie ihre Homosexualität nicht ausleben wollen. Die Forderung nach ernst gemeinter Zuwendung kirchlicher Seelsorge gründet sich auf der Erwartung, dass die Kirche sich endlich dem Thema Homosexualität in seiner Ganzheit zuwendet und es nicht verkürzt auf Fragen der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften oder auf das Zusammenleben gleichgeschlechtlich liebender Pfarrerinnen oder Pfarrer mit ihren Partnerinnen oder Partnern im Pfarrhaus.

 1. Wir – als Menschen, die homosexuell empfinden oder homosexuell empfunden haben, – fordern die Kirche auf, Homosexualität nicht als Schöpfungsvariante zu definieren.

Markus Hoffmann

Markus Hoffmann

Die Sexualforschung betont immer wieder, dass es eine eindeutig bestimmbare „sexuelle Identität“, die im Kern des Personseins verankert wäre, nicht gibt. Die Sexualwissenschaften betonen dagegen, dass Sexualität etwas Plastisches und Flexibles ist, das auch Veränderungen unterworfen ist und häufig Motiven folgt. – Als wir den Mut fanden, uns den innerpsychischen Motiven zu stellen, die sich in unserem gleichgeschlechtlichen Begehren widerspiegelten, erkannten wir, dass wir die Sexualität benutzten, um einen inneren Selbstwertkonflikt zu lösen, dass wir gar keine partnerschaftliche Beziehung zum gleichen Geschlecht eingehen wollen, sondern im sexuellen Kontakt dem Selbsthass entfliehen möchten, oder dass wir von Frauen oder von Männern emotional überfordert oder missbraucht wurden, und deshalb beim gleichen Geschlecht Schutz, Sicherheit und sexuelle Nähe suchen, oder dass wir versuchen, in der homosexuellen sadomasochistischen Unterwerfung die Ablehnung zu überwinden, die uns vom gleichen Geschlecht durch Erfahrung von Zurückweisung, Vernachlässigung oder Gewalt zugefügt wurde.

– Im Erkennen dieser Zusammenhänge wurde uns klar, dass uns die Behauptung, Homosexualität sei eine „Schöpfungsvariante“, die Freiheit nimmt, über uns und die in unserer Sexualität sich widerspiegelnden Gefühle und nichtsexuellen Motive selbstverantwortlich nachzudenken und nachzuspüren. Dadurch verloren wir wichtige Jahre unseres Lebens und wurden daran gehindert, die eigentlichen Konflikte unseres Lebens zu lösen. Wir bitten die Kirche zu überdenken, welche Fakten sie in Bezug auf den Begriff „Homosexualität“ und „Sexualität“ im Allgemeinen schafft, wenn Vorbilder wie Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihrem gleichgeschlechtlichen Partner das Pfarrhaus bewohnen.

2. Als direkt betroffene Menschen fordern wir von unserer Kirche einen deutlich erkennbaren Raum, in dem wir über unsere Sexualität offen nachdenken und uns selbstverantwortlich finden können.

Wir mussten in den letzten Jahren erleben, dass es für Menschen, die trotz homosexueller Empfindungen nicht als Schwule oder Lesben leben wollen, keinen Raum in unserer Kirche gibt. Dies ist u.a. dadurch dokumentiert, dass ausschließlich Organisationen wie „Homosexuelle und Kirche“ (HuK) und „Lesben und Kirche“ (LuK) im Handbuch für Kirchengemeinderäte als Anlaufstellen für homosexuell empfindende Menschen genannt werden, wo doch klar ist, dass dort allein in Richtung der Anerkennung der homosexuellen Neigung als Kernidentität beraten wird.

Ein anderes Dokument ist die jüngste Stellungnahme der Prälaturbeauftragten für Homosexualität, die ihre Seelsorge eindeutig nach den Zielen von HuK und LuK ausrichten.

Wir fordern von unserer Kirche, dass sie uns auch einen Raum zubilligt, in dem wir uns finden und eine Orientierung für unser Leben entwickeln dürfen. Wir fordern dies nicht aus dem naiven Glauben, dass sich jeder von uns in Bezug auf seine sexuelle Orientierung einfach verändern könnte. Aber wir wissen: manche von uns haben sich in Richtung Heterosexualität dann verändert, als sie ihre inneren Konflikte bearbeiten und lösen konnten; manche von uns haben an Lebensqualität gewonnen, auch wenn sie nicht für eine heterosexuelle Partnerschaft offen sind, und andere wollen ihre Homosexualität einfach deshalb nicht ausleben, weil sie erkannt haben, auf welchen inneren Konflikten sie basiert oder weil sie schlicht dem Wort Gottes widerspricht.

 3. Wir als betroffene Menschen, die ihre Homosexualität aus unterschiedlichen Gründen nicht ausleben wollen, fordern von der Kirche theologischen Rückhalt, der uns eine spirituelle Sicht für unser Leben ermöglicht. 

Jeder von uns stand und steht in seinem Leben vor der Frage, warum Gott uns die Homosexualität zugemutet hat. Manche stehen vor der Frage, warum sich nichts an ihrer sexuellen Orientierung ändert. Oft waren wir versucht, die Bibel an unser Schicksal anzupassen oder haben unsere Nachfolge davon abhängig gemacht, dass Gott unsere wuestenstrom e.V. sexuelle Orientierung ändert. Über die Jahre und in ehrlicher Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift haben wir erkannt: wir können unsere Homosexualität nicht einfach ausleben, denn Jesus verweist uns in Matthäus 19, 3-9 auf den Anfang und damit auf unsere Bestimmung, indem er sagt: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf ihn als Mann und als Frau. Sexualität erfüllt sich dabei im Sinne der Heiligen Schrift im Gegenüber und in der Einheit von Mann und Frau. Jesus, der in Matthäus 19 mit Menschen über die Frage eines von Mose gegebenen Rechtes auf Scheidung diskutiert, macht an dieser Stelle radikal deutlich, dass der Wille Gottes gemäß der Heiligen Schrift nicht an die menschlichen Schwächen angepasst werden soll. Jesus fordert mit seinem Verweis auf den Anfang und die ursprüngliche Bestimmung den Menschen vielmehr heraus, sich auf das von Gott in die Schöpfung gegebene Geheimnis des ebenbildlichen Seins, wie es in der leiblichen Einheit von Mann und Frau zu Tage tritt, einzulassen.

Über das sehen wir gerade im Hinweis auf das Geheimnis der leiblichen Einheit von Mann und Frau, dass der Leib und auch die Sexualität untrennbar zur Gottebenbildlichkeit des Menschen gehören. Diese spirituelle Sicht, die sich uns in der Meditation über den „Anfang“ erschlossen hat, ist für uns Quelle der Ermutigung. Einige von uns durften die Einheit von Mann und Frau innerhalb einer Ehebeziehung zum anderen Geschlecht verwirklichen. Aber selbst dann, wenn nicht alle dem skizzierten Geheimnis innerhalb der Ehe Gestalt geben dürfen, so wollen wir dies Geheimnis dennoch anbetend durch Enthaltsamkeit und ein Leben nach den Geboten Gottes anbetend achten. Dazu unterstützen wir uns gegenseitig, auch wenn wir wissen, dass wir damit in den Widerspruch zu der gesellschaftlichen Meinung geraten, dass man seine Triebe auszuleben hat.

Wir befürchten, dass eine Kirche, die gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften im Pfarrhaus und im Pfarrdienst Raum gibt, dem Menschen die theologische und spirituelle Schau auf das Geheimnis nimmt, auf das Jesus selbst hinweist.

 

Für die betroffenen Männer und Frauen:

Markus Hoffmann, Stefan Schmidt; stellvertretend für betroffene Menschen:  Marcel D.; Rainer F.; Andreas M.; David M.

wüstenstrom e.V. Haupstr. 72 71732 Tamm, Mai/Juni 2011

Tags:

Keine Kommentare möglich