Newsletter Frühjahrssynode 2019

Newsletter Frühjahrssynode 2019:

Von Donnerstag bis Samstag, 21. bis 23. März, kam im Stuttgarter Hospitalhof die Württembergische Evangelische Landessynode zu ihrer Frühjahrstagung zusammen.

Übersicht der Themen dieses Newsletters

1. Bischofsbericht: Kirche(n) in Europa – Suchet Europas Bestes (Willi Beck)

2. Das Votum zum Bischofsbericht (Willi Beck)

3. Fridays for Future – Thema der aktuellen Stunde (Götz Kanzleiter)

4. Segnungsgottesdienst für gleichgeschlechtlich liebende Paare (Matthias Böhler)

5. Geistlich leiten, vom Geist geleitet sein – Unterstützung für kirchenleitende Gremien (Kai Münzing)

6. Überparochiale Personalgemeinden auf Kirchenbezirksebene (Willi Beck)

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1. Bischofsbericht:

Kirche(n) in Europa – Suchet Europas Bestes

Der diesjährige Bischofsbericht zum Thema Europa – anlässlich der anstehenden Europawahlen – fand breite Zustimmung in der Synode. Der Bischof betonte Europa als Friedensprojekt und sein Bekenntnis zum europäischen Wertekanon Freiheit, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit fand Anklang.

Das erneute Aufblühen von Nationalismen angesichts der Flüchtlingskrise ist beklagenswert. Die Stimme der Kirche sollte in Europa lauter werden. Sie sei nach Europa gerufen worden und hätte den Auftrag, Europas Bestes zu suchen. Eine europäische Synode könnte eine adäquate Institution sein. Es sei nötig, so Dr. h.c. July, dass Europa zum Thema gemacht wird – persönlich, in den Kirchengemeinden, in der Landessynode. Es gebe keine Alternative zu Europa und die dezidierte europäische Friedensarbeit ist Europas Auftrag für die Welt. Die Voten der Gesprächskreise griffen bestätigend, ergänzend, vertiefend einzelne Punkte des Vortrages auf. Im folgenden Abschnitt findet sich das Votum von Kirche für morgen.

Willi Beck

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2. Das Votum zum Bischofsbericht

Vielen Dank für Ihr leidenschaftliches Bekenntnis zur Zukunft Europas. Als Kirche für morgen teilen wir Ihre Einschätzung, dass es 1) keine Alternative zu Europa geben kann, wenn man sich auf dem globalen Markt behaupten will, dass 2) der europäische Wertekanon zu verteidigen ist und dass 3) die Stimme der Kirche in Brüssel durchaus lauter sein dürfte. Mit ein paar Kirche für morgen-typischen Anmerkungen möchte ich Ihren Bischofsbericht anreichern.

1. Europa – ein System sui generis: Kopfzerbrechen und Staunen

Die Geschichte der Europäischen Union in Europa ist nicht selbstverständlich. Sie beginnt, wie Sie ausführen, u.a. mit der Idee, wirtschaftliche Probleme ohne Kriege zu lösen und den Frieden zu sichern. Verheerende Kriege haben Spuren hinterlassen. Wie kann ein zukünftiges Europa aussehen?

Ein europäisches Volk im Sinne einer Nation gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind die historischen Entwicklungspfade und kulturellen Entwicklungen der europäischen Völker, zu verschieden ihre Regierungssysteme, Verwaltungsstrukturen und politikfeldspezifischen Einstellungen und ja, eine nationenbegründete einheitliche Sprache sucht man vergebens.

Das impliziert Fragen wie: Wie viel Macht und Eigenverantwortlichkeit, wie viel nationalstaatliche Souveränität gibt man ab, welche Gesetzgebungs- und Durchsetzungskompetenzen überträgt man nach Brüssel um Europas Willen?

Unter diesen Bedingungen hätte das Projekt Europäische Union scheitern müssen. Ist es aber nicht – zumindest bisher. Das hat Gründe:

Die Entwicklung der Europäischen Union folgt keinem strategischen Plan, sondern der je eigenen Herausforderung bei der Integration ihrer Mitgliedsstaaten. Die vielfältigen Unterschiede führen zum Eingehen auf die Bedingtheiten der Mitgliedsstaaten und deren nationalstaatliche Eigenarten und Traditionen. Sie führen zu unterschiedlichen Integrationsstufen und -geschwindigkeiten, zu einer starken Kompromisskultur mit Vetorecht, wenn europäische Entscheidungen zu nationalstaatlichen Nachteilen führen.

Die EU entwickelt sich, wenn man so will, induktiv im Gehen und Verarbeiten von weltpolitischen und europäischen Herausforderungen.

Das bedeutet auch: Wer von Europa und den damit verknüpften Erwartungen spricht, kann sich nicht sicher sein, dass der andere dasselbe Europaverständis assoziiert. Eine gemeinsame Vision für Europa, ein gemeinsames Zielbild, existiert nicht wirklich.

Wie dem auch sei, Politikwissenschaftler ziehen in Erwägung, dass eben gerade die nichtpräzise Vision, der nichtvorhandene Plan, das sich Durchwursteln im Entwicklungsprozess, dass eben diese Unschärfen zum Erfolg des europäischen Friedensprojekts geführt haben. So können und konnten die Mitgliedsstaaten in ihrem Tempo, mit ihren Befindlichkeiten, Teil der Union werden. Damit wird Europa zu einem System sui generis, etwas ganz eigenes, einmaliges – das politikwissenschafltiches Kopfzerbrechen und Staunen zugleich auslöst.

2. Europa – Anleihen zur Kirchenentwicklung

Dass die Kirche ein Integrationsproblem hat, ist offensichtlich. Zu verschieden sind die Menschen und Mitgliedsgruppen. Die Integrationsmechanismen zur Europäischen Union könnten Pate stehen für eine zukünftige Kirche. Gerade als Kirche, die sich nach Europa gerufen weiß, sollten wir an unserer Kirchen-Haustüre gesprächskreisspezifische Egoismen und mikropolitische Machtgerangel um Positionen im Verwaltungshandeln hinter uns lassen. Die Diskriminierung von Minderheiten, die zur Kirche gehören wollen, wiegt schwer. Die unsägliche Diskussion um die Notwendigkeit und Einbindung neuer Gemeindeformen ist kein Glanzstück der Toleranz. Blockadeverhalten, wenn es um Veränderung von Kirchenbildern und -traditionen geht, lässt nichts von Würde und Respekt den Unerreichten gegenüber spüren. Die Ausgrenzung ganzer Mitgliedergruppen, die, weil wir so sind wie wir sind, keine Chance haben, dazuzugehören, widersteht dem Geist Europas als Friedens- und Freiheitsprojekt. 

Eine Kirche, die sich zu Europa bekennt, braucht strukturelle Komplexität und kulturelle Vielfalt. Sie muss theologische Kontroversen integrieren und plurale individuelle Zugangswege der Vergemeinschaftung mit verschiedenen Tempi und Stufen ermöglichen. 

3. Europa – Eine bleibende geistliche Aufgabe

Sie sagen (S. 22): Die Flüchtlingswellen haben Europa zugesetzt. An der eigenen nationalen Haustüre hört Solidarität, Toleranz, Freiheit, Menschenwürde auf. Werte, für die das Friedensprojekt Europa steht, werden vergessen und durch Diskriminierung, Hass, Feindbilder, Eigeninteressen ersetzt. Der wahrnehmbare politische Rechtsruck hat die fast überwunden geglaubten Nationalismen befeuert. Am Ende ist sich jeder selbst der Nächste. Daran ändert auch der Appell für ein starkes Europa des Friedens nicht. 

Wir haben es geistlich gesehen halt doch mit einem in Sünde gefallenen Menschen zu tun, der im Ernstfall, auch wenn er sich dabei selbst zerstört, die guten Vorsätze vergisst. Kann es nicht sein, dass sich mit diesem Menschen der europäische Traum als Utopie erweist und ohne geistliche Erneuerung nur begrenzt realisierbar ist? Es braucht die Stimme der Kirche, die sich für eine geistliche Erneuerung in Europa stark macht und diese zuerst in ihren eigenen Reihen thematisiert; ohne ständige geistliche Erneuerung könnte das Friedensprojekt Europa als utopisches Intermezzo in die Geschichte eingehen.

4. Europa – Herausforderung zur Begegnung

Der „Ökumenische Tourismus“ von dem Sie sprechen (S. 24), tut uns gut. Bereits in den 1950ern hat Gordon Allport seine Kontakthypothese formuliert, die mehrfach bestätigt worden ist. Sie lautet: „Je mehr Kontakte und Begegnungen Menschen mit Fremden haben, je mehr Freundschaften sich ergeben, desto geringer sind fremdenfeindliche Tendenzen.“ (Das ist übrigens einErklärungsversuch für das rechtsextreme Ost-West-Gefälle in unserem Land.)

Europa als vielfältiger Begegnungsraum der Kulturen kann kirchliches Leben beflügeln und manche Kontroversen, die mit Nicht-Begegnungen zu tun haben, verändern. Die Begegnung mit den verschiedensten Mitgliedergruppen unserer Kirche, mit Menschen anderer Glaubens- und Lebensentwürfe, mit kulturellen und theologischen Fremdheiten tut Not. Sie verändert Entscheidungshandeln zur kirchlichen Integration.

Europa ist unser Thema, sagen Sie (S. 30) – persönlich, in den Kirchengemeinden, in der Landessynode! Ganz Ja. Eine evangelische europäische Synode ist eine faszinierende Idee. Trotzdem, die umrissenen Hausaufgaben beginnen zu Hause. Das Lippenbekenntnis zu Europa könnte sonst zur Worthülse verkommen und eine europäische Synode zum ungedeckten Scheck.

(Auch wenn Europa und europäische Union zusammen gedacht sind, sind sie nicht deckungsgleich.)

Hier finden Sie den vollständigen Bericht des Landesbischofs.

Willi Beck

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3. Fridays for Future – Thema der aktuellen Stunde

Welche Impulse nehmen wir als Landeskirche aus diesen Jugendprotesten mit?

Auf Anregung des Gesprächskreises „Kirche für morgen“ diskutierte die Landessynode in der „Aktuellen Stunde“ über den Schulstreik „Fridays for Future“. Diese junge politische Bewegung trifft sich jeden Freitag, um gemeinsam für den Klimaschutz zu streiken. Im Sommer 2018 begann die Schülerin Greta Thunberg ihren Schulstreik in Stockholm für eine bessere Klimapolitik. Inzwischen ist aus diesem einen Streik eine weltweite Jugendbewegung geworden. In über hundert Ländern wurde bereits am globalen Streik teilgenommen.

Im Plenum der Synode wurde darüber beraten, welche Impulse und Potenziale dieser dynamischen Jugendbewegung in die Evangelische Landeskirche in Württemberg aufgenommen werden können. Die konstruktive Debatte in der Synode sprach diesem Jugendprotest viel Anerkennung zu. 

In der Debatte kam zur Sprache, welche Impulse aus der Jugendbewegung in die Evangelische Landeskirche in Württemberg aufgenommen werden können. Matthias Böhler (Besigheim) formulierte „Junge Menschen müssen befähigt werden zur Übernahme von Verantwortung und dabei begleitet werden.“ Den Anliegen von Jugendlichen müsse mehr Gehör verschafft werden. Die Landessynode ist sich darin einig, wie wichtig das Engagement der Jugend für die Bewahrung der Schöpfung ist. Sie selbst wolle in Zukunft den Emissionsverbrauch der Synode weiter senken.

Am Ende dieser aktuellen Stunde fehlten leider konkrete Schritte und  möglichen Konsequenzen. Synodaler Kanzleiter brachte deshalb in seinem  abschließenden Redebeitrag  den Wunsch ein, konkrete Schritte im Sinne einer Selbstverpflichtung zur Verbesserung der synodalen Ökobilanz zu vereinbaren. Diese drei Wünsche lauteten: 

  • Die Synode führt einen freiwilligen “Veggie-Day“ ein. Die Synodalen verzichten bei Ihren Tagungen bewusst jeweils einen Synodaltag auf Gerichte mit tierischen Zutaten. 
  • Das Synodalbüro überprüft vor der nächsten Synodaltagung, welche in Papierform vorliegende Unterlagen digital zur Verfügung gestellt werden können. Zum Beispiel kann das Mittagsgebet per Beamer auf die Leinwand projiziert werden. Ebenso reicht es, die Sitzordnung in digitaler Form in das Synodalportal einzustellen.
  • Die Synodalen verpflichten sich noch intensiver um die Bildung von Fahrgemeinschaften und die konsequente Nutzung öffentlicher Nahverkehrsmittel, soweit dies sinnvoll und möglich ist.

Götz Kanzleiter

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4. Segnungsgottesdienst für gleichgeschlechtlich liebende Paare

Mit der erforderlichen 2/3-Mehrheit hat die Landessynode am Samstagmorgen einer Gesetzesvorlage des Oberkirchenrats zugestimmt, die in begrenztem Maß Segnungsgottesdienste für homosexuelle Paare in unserer Landeskirche ermöglicht. Matthias Böhler zeigte sich vor allem erfreut darüber unter welcher geistlichen Haltung der Gesetzestext entstanden ist. Eine einleitende Präambel, die fast deckungsgleich mit dem Positionspapier von Kirche für morgen von 2011 argumentiert, stellt fest, dass es in unserer Landeskirche unterschiedliche theologische Positionen zu dieser Frage gibt. 

„Für Kirche für morgen ist das ein Erfolg des Diskussionsprozesses. Wir halten fest, dass wir wechselseitig anerkennen, dass die jeweils andere Haltung ihre Entscheidung in dieser Frage im ernsthaften Ringen mit der Heiligen Schrift theologisch verantwortlich getroffen hat. So, nur so, können wir uns als Geschwister akzeptieren und deshalb als Geschwister auch mit unterschiedlichen Erkenntnissen in dieser Frage. Das ist für uns eine geistliche Haltung, mit der wir den Gesetzestext ertragen und mittragen können. Wir sind mit manchen Punkten und Einschränkungen, die jetzt im Vergleich zu 2017 gemacht wurden, nicht einverstanden. Aber es ist das Ergebnis dessen, was zum jetzigen Zeitpunkt und in dieser Synode möglich ist – im Duktus dieser geistlichen Haltung.“

Matthias Böhler

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5. Geistlich leiten, vom Geist geleitet sein – Unterstützung für kirchenleitende Gremien

Bereits in der 14. Landessynode wurde auf Initiative von Kirche für morgen und dem damaligen Synodalen Markus Brenner der Fokus auf die Zurüstung und die Unterstützung des Ehrenamts und hier insbesondere der Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte gelegt.

Im Zuge des Reformationsjubiläums war es uns wichtig, dass kirchenleitende Gremien finanziell hierfür unterstützt werden. 

Mit Blick auf die anstehenden Kirchenwahlen im Dezember 2019 und den Umstand, dass wir rund 10.000 Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte zu wählen haben, ist es gut, diesen damaligen Impuls von Kirche für morgen neu aufzugreifen.

Wir suchen für unsere Gremien keine Funktionsträger, sondern vielmehr Christinnen und Christen, die innerhalb dieser geistlichen Gemeinschaft für unserer Kirchengemeinden auf der Basis der Bibel Visionen entwickeln. Hierfür wurden nun im 1. Nachtragshaushalt zwei Million Euro zu Verfügung gestellt.

Kai Münzing

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6. Überparochiale Personalgemeinden auf Kirchenbezirksebene

Ein langer konfliktreicher Weg zwischen neuen Aufbrüchen und parochialen Gemeinden könnte an sein vorläufiges Ende kommen. Ein neuer Gesetzesentwurf ermöglicht es, dass neue Aufbrüche, die sich zu Gemeindeformen entwickeln, auf Kirchenbezirksebene angebunden werden können, sofern die Kirchenbezirkssynode und der Kirchengemeinderat der jeweiligen Ortsgemeinde diesem Schritt zustimmen.

Der Entwurf wurde an die Ausschüsse verwiesen, wird dort bearbeitet und kommt dann im Sommer in die Synode zurück. Wie die einzelnen Kriterien (Mitgliedschaft, Gemeindegliederzahl, Leitungsstrukturen u. a.) aussehen werden, wird noch im Einzelnen in den Ausschüssen beraten.

Willi Beck

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Ausführliche Berichte zur Frühjahrssynode finden Sie hier.