Parochie und Lebensweltgemeinden

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Lassen wir doch die Kirche im „Dorf“!

Früher konnte man an Merkmalen wie Sprache, Musik, Kleidung, Bekanntenkreis… erkennen, aus welchem Dorf einer stammte. Dies ist für heutige Jugendliche noch genau so! Nur eben in einem „überregionalen Dorf“. Braucht es dann dort nicht auch eine Kirche in ihrem Milieu, ihrer Lebenswelt?

Ich höre die Gegenargumente: Wollen wir wirklich eine Gemeinde in Zielgruppen aufspalten, gehören wir nicht alle gemeinsam trotz der Unterschiedlichkeit in eine Gemeinde? Meine Antwort: Die Stiftskirchengemeinde in Stuttgart, eine Albgemeinde und eine Gemeinde in einem Arbeiterviertel sind schon immer verschieden gewesen. Nie waren alle Milieus in einer Gemeinde vertreten – und im Sonntagmorgengottesdienst heute gilt das schon gar nicht mehr.

Es gibt Studierendengemeinden mit Kirchengemeinderat und eigener Pfarrstelle, die überparochial an eine „Lebenswelt“ gekoppelt sind. Wieso kann aber eine Jugendkirche oder auch z.B. der „Offene Abend Stuttgart“ mit Gottesdiensten, mit vielen Hauskreisen, mit therapeutischen Lebensgemeinschaften keine eigene Gemeinde mit eigenem Kirchengemeinderat und eigenen Stellen sein? Den Menschen, die nicht im traditionell-kirchlichen Milieu zuhause sind, soll das Reich Gottes dochauch nahe kommen und die Kirche sollte ihnen auch ihre Form von Heimat anbieten!

Deshalb fordern wir, dass neben parochialen auch überparochiale Gemeinden entstehen dürfen – insbesondere, aber nicht nur Jugendgemeinden – mit eigenem Musikstil, eigener Gottesdienstzeit, eigener Sprache, eigenen Orten und eigenen Finanzen. Sie sollen gleiche Rechte bekommen wie die Parochialgemeinden.

Nur so lassen wir die Kirche auch im heutigen Dorf!

 

Pro & Contra: Parochie oder Lebenswelt?

Kirche für morgen hat das, was im EKD-Impuls-Papier „Kirche der Freiheit“ als Zukunftsperspektive formuliert wird, schon immer gefordert: Dass neben den Parochie-Gemeinden auch Lebensweltgemeinden mit gleichen Rechten entstehen können und müssen.

Immer wieder wird von Vertretern anderer Gruppierungen dagegen argumentiert:

Argument 1:  Die Parochie vernetzt Menschen aller Milieus und aller Altersgruppen und das soll auch so bleiben.

Kirche für morgen: Wir haben – als einzige Gruppierung – uns mal die Gottesdienste in Württemberg genauer angeschaut. Es ist keineswegs so, dass der Sonntagmorgengottesdienst alle Menschengruppen verbindet. Jugendliche (außer Konfirmanden), aber auch Junge Erwachsene fehlen fast ganz, Männer sind deutlich unterrepräsentiert. Fast 50% der Besucher ist 60 Jahre und älter. Wir sind für milieuübergreifende Gottesdienste, aber zumindest die jetzigen Gottesdienste bedienen wegen ihrer Sprache, ihrer Musik und auch ihrer Zeit, eben nur ein ganz bestimmtes Milieu.

Argument 2: Gerade in einer komplizierter werdenden Welt ist die überschaubare Gemeinde vor Ort der Ort der Beheimatung und genau das ist die Parochie.

Kirche für morgen: Erstens ist die Parochie als Ganzes mit ca. 2000-4000 Mitglieder in der Regel viel zu groß, um Beheimatung zu ermöglichen – und die Tendenz geht eher dahin, die Parochien noch größer werden zu lassen.

Zweitens stimmen wir zu: Es braucht den Ort in lokaler Nähe, der Beheimatung ermöglicht. Nur läßt sich heute niemand mehr vorschreiben, dass er oder sie in die Gemeinde zu gehen hat, die bei ihm lokal am nächsten ist. Er oder sie wird sich gerade in einer mobiler werdenden Gesellschaft eine Gemeinde suchen, in der er nicht unbedingt nur Menschen eines Milieus und einer Frömmigkeitsrichtung trifft, aber Menschen, mit denen er sich verstehen kann.

Argument 3: Gemeinde ist immer der Ort auch unterschiedlicher Menschen: Menschen aller Rassen, aller Milieus – das war Kirche von Anfang an. Lebensweltgemeinden sind deshalb theologisch fragwürdig, weil sie eine Aufsplitterung der Kirche bedeuten.

Kirche für morgen: Wir wollen keine Aufsplitterung der Kirche. Uns ist deshalb besonders daran gelegen, dass

a) Gemeinden immer auch unterschiedliche Milieus verbinden und

b) dass es viel mehr gemeindeverbindende Veranstaltungen gibt als jetzt schon.

Gerade jetzt gilt doch oft auch in Städten: Die verschiedenen Parochien sind unverbunden neben einander – und: Das ist das Hauptproblem: Weil man alle Milieus gleichzeitig erreichen will, erreicht man Menschen bestimmter Milieus überhaupt nicht mehr. Warum hat man Studierendengemeinden gegründet? Weil diese Gruppierung ein eigenes Milieu ist mit einer eigenen Sprache, mit eigenen Fragestellungen und eigenen Zeitschienen. Das aber gilt heute nicht nur für Studierende! Wichtig ist uns auch: Diese Gemeinden müssen untereinander und mit den Parochiegemeinden vernetzt sein. Nur so kommt die Gemeinschaft in der einen Kirche zum Ausdruck.

Argument 4: Wer die Parochie abschafft, höhlt die Basis unserer Kirche aus. Es mag ein typisches Problem im städtischen Bereich sein, im ländlichen Bereich lebt die Parochie und ist sie notwendig.

Kirche für morgen: Kirche für morgen will selbstverständlich nicht die Parochie abschaffen, aber andere Gemeindeformen ermöglichen und aufbauen, die bestimmte Zielgruppen besser einbinden kann. Die Parochie wird und muss es immer geben, gerade auch im ländlichen Raum, aber sie hat die Ergänzung nötig. Warum finden die allermeisten Gottesdienste in einer Stadt mit oft geringen Zahlen zur gleichen Zeit, mit der gleichen Musik und der gleichen Sprache statt? Warum finden immer noch alle Gottesdienste in der Zeit, die mal zwischen den Melk- und Fütterzeiten der Bauern eingerichtet wurde, statt? Hier gilt es Räume zu öffnen und das will Kirche für morgen. Im Übrigen: Lebensweltgemeinden und Richtungsgemeinden ist nicht dasselbe. Wir wollen nicht die Einengung auf einen bestimmten Frömmigkeitsstil aber Gemeinden, die Menschen unterschiedlicher Milieus unterschiedliche Angebote auf Beheimatung bieten. (FS)