Kirche als Beziehungsgeschehen

Grundlagenpapier zum Kirchenbild von Kfm.

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Einleitung

Das Wort „Kirche“(1) meint primär die von Gott gestiftete, weltweite Gemeinschaft der Getauften und an den dreieinigen Gott Glaubenden.(2) Zur Gestalt von Kirche gehören immer auch konkrete „Gemeinden“ vor Ort. Die Begriffe „Kirche“ und „Gemeinde“ werden nachfolgend wechselseitig verwendet, da das eine nicht ohne das andere gedacht werden kann. Dies ist schon im neutestamentlichen Begriff „Ekklesia“ angelegt, dessen Grundbedeutung
„Versammlung“ ist.(3) Diese Versammlung ist in allen Größen vollwertige „Ekklesia“. Schon wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind ist der Auferstandene präsent, ist Gemeinde gegeben.(4)

Kirche ist zunächst einmal also eine Gemeinschaft, die sich im Laufe der Zeit gewisse Organisationsformen gibt, Gebäude anschafft usw. Als Gemeinschaft verdankt sich Kirche dem Wirken Gottes.

Das christliche Verständnis von Gott ist ein trinitarisches und personales.(5) Gott ist als Vater, Sohn und Heiliger Geist in sich selbst Beziehung. Er möchte den auf Beziehung angelegten Menschen und damit die ganze Welt in seine
heile Beziehung mit hineinnehmen.(6) Das ist Wesen und Kern der Geschichte Gottes mit den Menschen. Und dies ist damit auch konstitutiv für die Kirche bzw. die christliche Gemeinde. Was Kirche ausmacht, sie kennzeichnet, worin ihr Wesen und ihr Auftrag besteht, hat seinen Grund im christlichen Verständnis von Gott und dem Menschen.

Ausgangspunkt ist und bleibt Gottes Handeln. Gottes Geschichte mit uns Menschen zielt auf Gemeinschaft. Schon in der Erwählung Abrahams ist die ganze Menschheit perspektivisch mit im Blick.(7) Schließlich macht sich der eine Gott in Jesus Christus selbst auf den Weg zum Menschen. Gott wird Mensch um den Menschen und die Welt in seine Liebe mit hinein zu nehmen. Diese Mission Gottes (missio dei) setzt sich in einer vierfachen Beziehungsdimension von Kirche fort.

 

Die vier Beziehungs-Dimensionen von Kirche

Wenn Gott in seinem Wesen Beziehung ist und wenn sein Handeln auf Beziehung aus ist, dann wird sich dies auch in der Kirche widerspiegeln. Unter den Bedingungen dieser Welt wird dies immer bruchstückhaft bleiben. Die
Kirche bedarf der Vergebung, wo sie ihrem Wesen nicht gerecht wird und hinter den von Gott gesetzten Maßstäben zurückbleibt. Zugleich ist ihr der Dienst der Versöhnung übertragen.(8) Unter diesen Voraussetzungen gilt:
Kirche bzw. jede christliche Gemeinde ist geprägt von der missio dei, die in vier Beziehungsdimensionen ihren Ausdruck findet und darin als Querschnittsaufgabe verankert ist. Wir fassen dies folgendermaßen zusammen:

Wir sind Teil der Mission Gottes und wenden uns 1) der Welt zu (OUT), 2) einander zu (IN), 3) der weltweiten Kirche zu (OF), 4) dem dreieinigen Gott zu (UP). Das „wir“ steht dabei sowohl für die regionale Kirche bzw. Institution Kirche und die Ortsgemeinde als auch für den einzelnen Christen als Teil von Kirche und Gemeinde.


1. Wir wenden uns der Welt zu (OUT)

Gemeinde lebt im Horizont des Reiches Gottes. Deshalb ist sie nicht für sich selbst da, sondern ist gesandt in die Welt, ist „Gemeinschaft der berufenen Zeugen“(9), die in Wort und Tat das weitergibt, was sie selbst von Gott
empfangen hat. Die Zuwendung zur Welt umfasst die ganze Schöpfung. Diakonisches Handeln, Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind Teil ihrer Aufgabe bzw. Mission. (10) „There is no participation in Christ without participation in his mission to the world.“(11)

2. Wir wenden uns einander zu (IN)

Wie Gott in sich Beziehung ist, so auch die Gemeinde. Sie lebt im vielfachen „miteinander“.(12) Dieses schließt auch das „einander vergeben“ ein und orientiert sich am Grundgesetz Christi: Einer trage des andern Last.(13) Christen
kümmern sich umeinander, stützen die schwachen Gemeindeglieder. Sie helfen sich gegenseitig ihren Glauben zu leben, geben einander die Inhalte des Glaubens weiter und vertiefen sie.(14) Gemeinde feiert gemeinsam die Liebe
Gottes im Abendmahl und im Alltag der Welt. Dabei sind die Formen der Gemeinschaft vielfältig, alters- und milieuspezifisch.(15) Es gibt nicht eine Form für alle, sondern unterschiedliche Arten von Beziehung, Nähe und Distanz. Eine so gelebte Gemeinschaft macht andere neugierig und lässt sie nach der Quelle dahinter fragen.(16)

3. Wir wenden uns der weltweiten Kirche zu (OF)

Diese Dimension bekennen wir schon im Apostolikum. Als Teil der weltweiten Kirche glauben wir, dass der Heilige Geist eine heilige, allgemeine und umfassende Kirche schafft. Die Liebe zur „Wolke der Zeugen“(17) und zur Tradition, zum Stamm und zur Wurzel, die uns trägt,(18) aber auch die konkrete Vernetzung der Christen heute und ihre Zusammenarbeit prägen die Gemeinde, gehören zum Wesen jeder Kirche. Für Jesus hängt unsere Glaubwürdigkeit nach außen an unserer gelebten Einheit untereinander.(19) Christliche Gemeinden arbeiten zusammen, helfen sich, innerhalb des Ortes, der Stadt sowie auch weltweit.

4. Wir wenden uns Gott zu (UP)

In Christus wird Gottes Liebe zu uns und zur Welt unüberbietbar konkret. Diese Liebe geht allem menschlichen Handeln und somit allen vier Dimensionen voraus.(20) Die Zuwendung zu Gott zeigt sich in der Kirche darin, dass
Menschen auf der Suche nach Gott sind.(21) Sie fragen nach Gott, hören auf Gott und antworten auf sein Wort.(22) Daraus folgt für die Gemeinde: Im Zentrum stehen Bibel und Gebet. Menschen wenden sich allein und gemeinsam
dem dreieinigen Gott zu, treten mit ihm in eine Beziehung, leben im Hören und Fragen nach Gott und erhalten von daher ihre Berufung und Platzanweisung in der missio dei.

Zusammenfassend formuliert:
Kirche ist da, wo sich Menschen in Gemeinschaft auf den dreieinigen Gott ausrichten und Gottes Sendung leben in Verbindung mit allen, die Gottes Ruf gehört haben.

 

Kirche lebt damit in aller Bruchstückhaftigkeit vor, was das Ziel von Gottes Handeln ist: Eine versöhnte Gemeinschaft im allumfassenden Frieden.(23)

Entscheidend ist aber bis dahin, dass alle vier Beziehungs-Dimensionen (christliche Spiritualität, Gemeinschaft, Ökumene, Welt) das Gemeindeleben und die kirchlichen Strukturen prägen und nicht nur punktuell vorkommen.
Sobald eine Dimension verkümmert, verkümmert die Gemeinde bzw. Kirche.

Einzelne Dimensionen lassen sich nicht ausblenden oder abspalten. Sie gehören zum Wesen von Kirche und Gemeinde. In jeder Dimension werden Menschen aufmerksam auf Gottes Handeln in seiner Welt. (24) Gerade die Kombination der Dimensionen in ihrer Einbettung in die Mission Gottes, macht Kirche attraktiv.
Eine Kirche, die sich so versteht, wird auch ihr Programm, ihre Angebote und ihre Strukturen in Korrelation zu den genannten vier Beziehungs-Dimensionen gestalten.(25)

 

Konsequenzen

1. Gemeinschaft kommt vor Struktur (Kirche wächst und gedeiht über Beziehungen von unten nach oben).

2. Strukturen sind zeit- und kulturbedingt und damit wandelbar. Sie dienen der Entfaltung von Kirche in ihren vier Beziehungs-Dimensionen und sind kein Selbstzweck.

3. Der lutherischen Definition von Kirche nach CA 7(26) fehlen diese Beziehungs-Dimensionen. Sie macht den richtigen Vollzug von Verkündigung und Sakramentsverwaltung zum Maßstab von Kirche. „Richtigkeit“ allein
macht aber noch keine Kirche.(27)

4. Die Einheit der Kirche gründet in dem einen Gott. Kirche ist da, wo Menschen auf diesen Gott hören und ihr Leben entsprechend gestalten.

5. Kirche als Gemeinschaft setzt die Beteiligung der einzelnen Glieder voraus. Alle können und sollen etwas beitragen.

6. Ekklesia, also Gemeinde, ist keine quantitative Größe. Schon die kleine Gruppe, die sich im Namen Christi versammelt, ist „ganz Kirche, aber nie die ganze Kirche“.(28)

7. Keine Beziehungs-Dimension von Kirche darf fehlen. Der Rückbezug der Dimensionen auf die missio dei bleibt konstitutiv und hat Auswirkungen für das gemeinsame konkrete Leben und Gestalten von Gemeinde.

8. Wenn beispielsweise der Gottesdienst der Christen (an welchem Tag und in welchem Format auch immer) diesen vier Beziehungs-Dimensionen dienen soll, dann hat das Folgen: Für die Verkündigung (UP), im Blick auf die Begegnung der Gemeindeglieder beim Kirchenkaffee (IN), im Blick auf Fürbitte und Sendung in die Welt (OUT), im Blick auf den Reich-Gottes-Horizont und die Ökumene (OF).

9. Jedes Kirchenraum-Setting (z.B. Kirchenbänke, nur Blick nach vorne möglich), jedes Gestaltungselement (Kirchenkaffee, Fürbitte, Segen, Beteiligung usw.) und eben alles was wir wie tun, kommuniziert und hat Einfluss auf die vierfache Beziehungsqualität und muss sich daran messen lassen und gegebenenfalls verändert werden.

10. Wenn Beziehungsqualität in diesen vier Dimensionen wirklich unsere leitende Maxime und das Entscheidungskriterium ist, dann hat das Konsequenzen für unseren Haushaltsplan. Wie viel investieren wir in Steine, wie viel in Menschen und in Beziehungen?

 

Redaktionsteam:
Dr. Willi Beck (Unisa), Sulzbach/Murr | Reinhold Krebs, Herrenberg
Dr. Jens Schnabel, Sindelfingen | Friedemann Stöffler, Tübingen
Verabschiedet vom Leitungskreis von Kirche für morgen im Januar 2017

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