Anmerkungen zur EKD-Orientierungshilfe: Ehe und Familie

Ehe und Familie EKD-SchriftAnmerkungen zur EKD-Orientierungshilfe:
Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken

Die neue EKD-Orientierungshilfe enthält eine gute Analyse zur Situation von Familien in unserer Gesellschaft und bietet zudem eine Fülle von Informationen zu sozialen, rechtlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die zur der heutigen Lage geführt haben. In dieser Darstellung liegt die große Stärke der Orientierungshilfe.

Was ich jedoch sehr bedauerlich finde, sind die Schwächen in der theologischen Argumentation. Dies wird schon dadurch deutlich, dass in der Orientierungshilfe auffallend wenig theologisch argumentiert wird. Wenn aber theologische Argumente angeführt werden, dann oftmals ohne die nötige Differenzierung der dargestellten Sachverhalte und mit einer Exegese, die nicht auf dem Stand der Zeit ist.

So heißt es beispielsweise in Kapitel 5 „Theologische Orientierung“: „Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familiären Zusammenlebens, bleibt entscheidend, wie Kirche und Theologie die Bibel auslegen und welche Orientierung sie damit geben. Über lange Zeit hat die Kirche (nicht nur mit ihren Trauagenden) eine Vorstellung der Ehe als Schöpfungsordnung vermittelt, die der Natur des Menschen eingeschrieben sei. Damit begründete man auch die über lange historische Zeiträume geltende Geschlechter-Hierarchie, die sich in den biblischen Schöpfungsberichten spiegelt.“ (S. 58)

In diesem Abschnitt wird ein Zusammenhang zwischen der Ehe als Schöpfungsordnung und einer Geschlechter-Hierarchie hergestellt und den Schöpfungsberichten unterstellt, dass sich in ihnen eine solche Geschlechter-Hierarchie findet. Beides ist nicht korrekt:

Zu Recht wird in dem Zitat aus der Orientierungshilfe festgestellt, dass es innerhalb der Kirche bislang üblich ist, die Ehe als Teil der Schöpfungsordnung zu sehen. Dafür gab und gibt es auch gute theologische Gründe, die sich auf bestimmte biblische Texte und Traditionen berufen können. Dies kann man meines Erachtens nicht einfach so abweisen bzw. abschwächen, wie dies die Orientierungshilfe versucht. Auch wenn es in der Geschichte vielfach eine Verquickung von Ehe als Schöpfungsordnung mit einer Geschlechter-Hierarchie gab, heißt das noch lange nicht, dass damit die Vorstellung der Ehe als Teil der Schöpfungsordnung aufzugeben ist.

Der Verweis der Orientierungshilfe auf die Schöpfungsberichte der Bibel im Blick auf eine Geschlechter-Hierarchie ist nicht korrekt. Denn nach heutigem Stand der Exegese ist es nicht Ziel dieser Texte, eine Unterordnung der Frau unter den Mann oder dergleichen zu rechtfertigen. In Genesis 1 und 2 wird deutlich, dass der Mensch als männlich und weiblich von Gott erschaffen wurde und dass er gerade in dieser Zuordnung unter Gottes Segen steht und einen besonderen Auftrag erhält. An dieser Besonderheit der Beziehung zwischen Mann und Frau kommt man nicht vorbei, wenn man die biblischen Texte wirklich ernst nimmt.

Eine Exegese der Schöpfungsberichte auf dem Stand der Zeit hätte der Kommission hier gute Dienste getan. Dann wäre deutlich geworden, dass es in diesen Texten um die besondere Zuordnung von Mann und Frau als Ergänzung und Gegenüber geht und nicht um Hierarchien.

Davon geht übrigens auch Jesus aus, wie das in Matthäus 19,1ff. überlieferte Streitgespräch zeigt. Die Orientierungshilfe zitiert daraus leider nur Vers 6b, obwohl die Agenden, auf die explizit verwiesen wird, einen größeren Zusammenhang vorsehen. Gerade dieser größere Zusammenhang macht deutlich, dass auch Jesus die besondere Zuordnung von Mann und Frau voraussetzt.

Die Gemeinschaft von Mann und Frau bleibt damit etwas Besonderes. Das heißt nicht, dass es nicht auch andere Lebensformen geben kann. Jesus selbst lebte ehelos, Paulus hielt dies gar für besser als zu heiraten. Dass dies auch möglich ist, daran wurde in der langen Geschichte der Christenheit nicht gezweifelt. Genauso unzweifelhaft ist aber auch, dass zu Gottes guter Schöpfung die besondere Zuordnung von Mann und Frau gehört, was die Kirche bislang immer mit der Aussage, dass die Ehe Teil der Schöpfungsordnung Gottes sei zum Ausdruck gebracht hat.

Martin Luther spricht in diesem Zusammenhang vom „Ehestand“ und sagt darüber im Großen Katechismus, es ist „nicht ein sonderlicher, sondern der gemeineste [= verbreitetste], edleste Stand“ (BSLK 613,22-24). Und in seinem Traubüchlein führt er über den Ehestand aus: „Ob’s wohl ein weltlicher Stand ist, so hat er doch Gottes Wort für sich und ist nicht von Menschen erdichtet oder gestiftet.“ In ihrem Rückgriff auf das reformatorische Verständnis der „Ehe als ‚weltlich Ding'“ (S. 13) verkennt die Orientierungshilfe diesen für die Reformatoren klaren theologischen Zusammenhang. Die Ehe ist nicht deshalb ein „weltlich Ding“ weil vor Gott alle gleich sind, wie die Orientierungshilfe suggeriert, sondern weil sie Teil der Schöpfungsordnung ist und nicht zur Heilsordnung gehört.

Die Schwächen in der theologischen Argumentation der Orientierungshilfe zeigen sich auch an anderen Stellen. Hier noch ein weiteres Beispiel. Im letzten Kapitel „Empfehlungen“ heißt es: „Die Bibel beschreibt im Alten und Neuen Testament das familiale Zusammenleben in einer großen Vielfalt. Das historisch bedingte Ideal der bürgerlichen Familie kann daher biblisch nicht als einzig mögliche Lebensform begründet werden. Die evangelische Kirche würdigt die Ehe als besondere Stütze und Hilfe, die sich auf Verlässlichkeit, wechselseitige Anerkennung und Liebe gründet. Gleichzeitig ist sie gehalten, andere an Gerechtigkeit orientierte Familienkonstellationen sowie das fürsorgliche Miteinander von Familien und Partnerschaften – selbst in ihrem Scheitern – zu stärken, aufzufangen und in den kirchlichen Segen einzuschließen. Wo sich Menschen in entscheidenden Lebenssituationen unter den Segen Gottes stellen wollen, sollte sich die evangelische Kirche auch aus theologischen Gründen nicht verweigern, wie auch die Diskussion in den einzelnen Landeskirchen zeigt (s. Kap. 5).“ (S. 143)

Dass die bürgerliche Familie als historisches Produkt des 18. Jahrhunderts nicht der Maßstab für jedes menschliche Zusammenleben sein kann, versteht sich von selbst. Auch hier ist die Analyse der Orientierungshilfe zutreffend. Was jedoch ist unter der Formulierung „auch aus theologischen Gründen“ zu verstehen. Sind theologische Gründe nur an zweiter Stelle zu gewichten? Ist die Theologie nur ein Beiwerk zur eigentlichen Argumentation? Müsste nicht an erster Stelle eine klare theologische Argumentation stehen? Muss Kirche handeln, nur weil Menschen etwas wollen? Ist also der menschliche Wille der Maßstab kirchlichen Handelns?

Auch hier fehlt wieder eine genauere Differenzierung und eine klare theologische Argumentation. Von einem Dokument mit dem Untertitel „Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ hätte ich da mehr erwartet.

Unabhängig davon, ob man die Ehe und gleichgeschlechtliche Partnerschaften theologisch auf eine Stufe stellen will oder nicht, muss man in dieser Frage differenzierter argumentieren und entsprechende theologische Argumente anführen. Dieser Mangel mag auch der Zusammensetzung der Kommission und dem Verfahren der Entstehung der Orientierungshilfe geschuldet sein.

Insofern ist dem Urteil von Landesbischof July zuzustimmen: „Grundsätzlich bin ich im Zweifel, ob bei solch grundlegenden Fragen – wie in der vorgelegten Orientierungshilfe – das Verfahren zur Entstehung sachgerecht ist.“

Dr. Jens Schnabel, 02.07.2013