Charismatische Aufbrüche

charismatische-aufbrcheErmutigungen zum Miteinander von Evangelischer Landeskirche und charismatischer Bewegung

Kirche für morgen hat das Ziel, die ständige Reformation (ecclesia semper reformanda) der evangelischen Landeskirche in Württemberg zu unterstützen. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist es, die Struktur unserer Kirche so zu verändern, dass auch neue Bewegungen und Aufbrüche innerhalb unserer Kirche geschehen können. Kirchliche Strukturen sollen solche Aufbrüche mehr unterstützen als bremsen.

Dies bedeutet für beide Seiten unterschiedliche Zumutungen. Die Kirchengeschichte zeigt jedoch, dass dies letztlich sowohl der Gemeinde als auch den neuen Bewegungen dient.

Anmerkung zu den Begriffen: Wir gebrauchen den Begriff Gemeinde und meinen damit bestehende Ortsgemeinden insbesondere die innerhalb der evangelischen Landeskirche, aber auch die gesamte evangelische Landeskirche als Struktur.

Wir gebrauchen den Begriff „Bewegungen“ und meinen damit charismatisch Bewegte, die den Aufbruch gestalten und von ihm erfasst sind, ihn aktiv mitgestalten und zu neuen Ufern aufbrechen.

I. Raum für geistliche Aufbrüche

Wir wollen, dass in der Kirche vom Geist Gottes gewirkte Aufbrüche aller Art geschehen können. Sie sollen in den Gemeinden Wurzel schlagen, damit so Menschen vom Reich Gottes erfasst werden. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass u.a. auch charismatische Aufbrüche in unserer Kirche möglich sind.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, solchen Aufbrüchen Raum zu geben, Vorbehalte zurückzustellen und sich schützend hinter die zu stellen, die den Aufbruch gestalten. Die Gemeinde braucht die Bewegungen, weil sie Erneuerung bringen und vor Erstarrung bewahren.

Wir ermutigen die Bewegungen, die Gemeinden nicht zu verlassen, sondern ihre Dynamik in die bestehenden Gemeinden einzubringen. Es geht um den einen Leib Christi. Die Bewegungen brauchen die Gemeinden, weil sie ihnen ein Korrektiv sein können und für die nötige „Bodenhaftung“ sorgen.

II. Neu von Jesus Christus ergriffen werden

Wir wollen, dass unsere Kirche Menschen erreicht, die bisher noch nichts vom Glauben gehört haben, die sich neu auf das Abenteuer des Glaubens einlassen und zu einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus finden.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, ihren Horizont zu erweitern und aus Insiderstrukturen auszubrechen. Die Gemeinden sollen für Außenstehende einladend sein und alles tun, damit Menschen sich neu auf das Abenteuer des Glaubens einlassen können.

Wir ermutigen die Bewegungen, die Glaubensentscheidung der Menschen für Christus als Entscheidung für den Leib Christi zu verstehen. Daraus folgt in notwendiger Weise die Einbettung in eine bestehende Gemeinde.

III. Zur Taufe

Durch das Sakrament der Taufe werden Menschen in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen, ob als Kinder oder Erwachsene. Wer als Kind getauft ist sollte später sein eigenes Ja zu Jesus Christus sagen können. Jede Form der Taufe, insbesondere die Kindertaufe, bedarf der Vergegenwärtigung und Erinnerung.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, Formen anzubieten, in denen Menschen sich der Bedeutung ihres Getauft seins gewiss werden können. Denkbar sind regelmäßige Tauferinnerungsfeiern, die auch mit Untertauchen gestaltet werden können (siehe die Praxis in der anglikanischen Kirche).

Wir ermutigen die Bewegungen, das Sakrament der Taufe in seiner Einmaligkeit – die auf die Einmaligkeit von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi verweist (Röm 6) – zu achten und sich an der Gestaltung der Tauferinnerung aktiv zu beteiligen.

IV. Zum Umgang mit den Geistesgaben

Die Geistesgaben sind von Gott der Gemeinde geschenkte Gaben, die zur Auferbauung der Gemeinde dienen. Es gibt in den Gemeinden unter-schiedliche Formen gelebten Glaubens, die alle ihre Stärken für den Aufbau der Gemeinde haben.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, den Geistesgaben insgesamt mehr Raum zu geben und sich für ein liebevolles und konstruktives Miteinander unterschiedlicher Prägungen einzusetzen. Damit fördert sie den Reichtum christlicher Spiritualität.

Wir ermutigen die Bewegungen, nicht einzelne Geistesgaben absolut zu setzen, sondern ihren Gebrauch einer kritischen Prüfung anhand der Schrift zu unterziehen.

Wir ermutigen die Bewegungen, Christen anderer Prägung mit ihren besonderen Gaben zu achten und zu respektieren wie sich selbst.

V. Die Gabe der Liebe

Liebe ist die höchste Geistesgabe. Sie ist das Kriterium für alle und alles. Alles ist daran zu messen, ob wir selbst in dieser Liebe Christi mit einander umgehen. „Und hätten wir alle Weisheit und alle Geistesgaben und hätten wir alle theologisch richtigen Positionen und hätten wir das ganze Kirchenrecht auf unserer Seite, aber wir hätten der Liebe nicht, so wären wir nichts…“ (nach 1.Kor 13).

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, ihre vorhandene strukturelle Macht (Räume, Finanzen, Beschlüsse etc.) so einzusetzen, dass dadurch Freiräume geschaffen werden, die zu einem Umgang in Liebe miteinander führen.

Wir ermutigen die Bewegungen, die vorhandenen Geistesgaben nicht zur Machtausübung zu missbrauchen und sich nicht über andere zu stellen. Nach dem Neuen Testament hat der Richtgeist keinen Platz im Reich Gottes.

VI. Wunder und Heilungen

Wir freuen uns, wenn Wunder geschehen, Menschen geheilt werden und die Kraft des Heiligen Geistes sichtbar erlebt wird. Wir wissen aber, dass Gott im Gekreuzigten auch da gegenwärtig ist, wo Leid erlebt und Heilung nicht erfahren wird.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, darauf zu vertrauen, dass Gott auch heute Menschen heilt. Es gilt Formen zu finden, in denen Gebet um Heilung stattfindet (z.B. Fürbitte-, Segnungs-, Salbungs- und Heilungs-Gottesdienste).

Wir ermutigen die Bewegungen, um Heilungen zu bitten, aber nicht allein an ihnen das Wirken des Geistes fest zu machen. Heilungen geschehen in unserer Welt immer nur zeichenhaft und exemplarisch. Sie sind Hinweis und Vorgeschmack auf Gottes kommende Welt. Gott ist im Gekreuzigten auch da heilend und handelnd gegenwärtig, wo Menschen keine körperliche Heilung erleben.

Es ist richtig, dass es einen biblisch begründeten Befreiungsdienst gibt. Dennoch verbietet es sich, Krankheit zu dämonisieren.

VII. Zungenrede

Die Zungenrede ist eine Gabe des Geistes, gegeben zum Lob Gottes, zur Anbetung und als persönliche Gebetssprache.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, die Zungenrede nicht zu verachten oder gar zu dämonisieren. Die Gemeinde hat die Aufgabe hierfür einen Raum zu eröffnen und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese Geistesgabe geordnet praktiziert werden kann.

Wir ermutigen die Bewegungen, die Gabe der Zungenrede schwerpunktmäßig im privaten Gebrauch zu praktizieren und diese Gabe nicht zu überhöhen (1.Kor 14). Weder ist die Zungenrede eine Gabe, die über anderen Gaben des Geistes steht, noch ist die Zungenrede gar der Nachweis für das Erfüllt sein mit dem Heiligen Geist.

VIII. Gabe der Gemeindeleitung und Gabe der Prophetie

Es gibt unterschiedliche Gaben, aber es ist ein Geist (1.Kor 12,4). Die Gemeinden brauchen beides: die Gabe der Leitung und die prophetische Rede. Diese Gaben sollen für den Gemeindeaufbau zusammenwirken.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, die Gabe der Prophetie, die häufig in den Bewegungen vorhanden ist, zu achten, sich davon hinterfragen zu lassen und sie für den Aufbau der Gemeinde fruchtbar werden zu lassen. Gleichzeitig sollen sie ihre Wächter-funktion geist- und liebevoll ausüben, so dass alles zur Auferbauung der Gemeinde geschieht (1.Thess 5,20f).

Wir ermutigen die Bewegungen, auch prophetische Rede dem Wächteramt der Gemeinde auszusetzen und die bestehende Gemeindeleitung zu respektieren.

IX. Freiraum für Gemeindegründung

Die Parochie kann nicht das einzige Prinzip sein, nach der Gemeinden gebildet werden. Wollen wir Menschen aller Milieus erreichen, braucht es neben der geografischen auch eine Lebensweltorientierung und damit verbunden auch die Berücksichtigung verschiedener Prägungen und Stile.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, zu überlegen, ob nicht Raum geschaffen werden kann um lebenswelt- und milieuorientierte Gottesdienste und Gemeinden mit eigener Prägung zu ermöglichen. Sie könnten auf der Ebene der Kirchenbezirke in die Landeskirche eingebunden sein – in Vernetzung zu den Ortsgemeinden.

Wir ermutigen die Bewegungen, sich für die verschiedenen Milieus zu öffnen um möglichst viele Menschen mit dem Evangelium zu erreichen.

Wir ermutigen sie sich mit den bestehenden Gemeinden zu vernetzen und in den unterschiedlichen Prägungen den Reichtum des Leibes Christi zu erkennen.

X. Wir bleiben der evangelischen Landeskirche treu

Wir leiden an verfestigten Strukturen unserer evangelischen Landeskirche und setzen uns für eine Reform dieser Strukturen ein. Gleichzeitig sehen wir in unserer Landeskirche den Raum für das Wirken des Heiligen Geistes. Wir wollen unserer Kirche dienen, indem wir ihr nicht immer gehorchen.

Unsere Landeskirche ist eine Gestalt der sichtbaren Kirche. Unserem Herrn ist (nach Joh 17) die Einheit des Leibes Christi ein so großes Anliegen, dass wir alles dafür tun, dass es nicht zu einer weiteren Aufsplitterung kommt.

Kirche ist und bleibt dabei ein „corpus permixtum“ (Martin Luther), wo das „Geistliche“ und die „weltliche Struktur“ mit all ihrer Fehlerhaftigkeit und Schuld vermischt sind, die wir nicht auflösen können und wollen.

Wir ermutigen deshalb die Gemeinden, verfestigte Strukturen zu hinterfragen und unkonventionelle Wege zu gehen.

Wir ermutigen dazu Räume zu eröffnen, so dass neue Bewegungen sich in unsere Landeskirche mit ihren Stärken einbringen können und viele Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Wir ermutigen die Bewegungen, sich in die Landeskirche einzubringen, sie als die sichtbare Gestalt des Leibes Christi, in die wir eingebettet sind, zu akzeptieren. Auch in Konflikten gilt es, dieser Kirche treu zu bleiben und alles zu tun, um diese Form des Leibes Christi aktiv mitzugestalten.

 

1. Sonne der Gerechtigkeit,

Gehe auf zu unsrer Zeit;

Brich in deiner Kirche an,

Dass die Welt es sehen kann.

Erbarm dich, Herr.

2. Weck die tote Christenheit

Aus dem Schlaf der Sicherheit;

Mache Deinen Ruhm bekannt

Überall im ganzen Land.

Erbarm dich, Herr.

3. Schaue die Zertrennung an,

Der kein Mensch sonst wehren kann;

Sammle, großer Menschenhirt,

Alles, was sich hat verirrt.

Erbarm dich, Herr.