Newsletter Frühjahrssynode 2015

Im Stuttgarter Hospitalhof tagte vom 13.-14  März die Landessynode. Die Hauptthemen waren Kinder- und Jugendarbeit, die Ergebnisse der SINUS-Milieu-Studie und das Thema Armut.

Die Synodalvertreter des Gesprächskreises Kirche für morgen geben hier im Newsletter zur Frühjahrssynode ihre Eindrücke wider. Wesentliche Prozesse werden durch die Gespräche in den Pausen auf den Gängen im Hospitalhof initiiert. Kirche für morgen ist beim Thema Jugendarbeit Vorreiter für Themen und Visionen. So waren die Kfm-Synodalen gefragte Gesprächspartner während der ganzen Synode.

Übersicht der Themen dieses Newsletters

1. Ergebnisse der SINUS-Milieu-Studie
2. Arme und benachteiligte Menschen in unserer Kirche
3. Schwerpunktthema Kinder- und Jugendarbeit
4. Diskussion und Unterstützung der Flüchtlingsarbeit
5. Weitere Themen und Anträge

 

1. Veröffentlichung der Ergebnisse der SINUS-Milieu-Studie 

Ist unsere Kirche eine mittelschichtsorientierte Zielgruppenkirche?

Die Synode nahm den Bericht den Prof. Dr. Hempelmann zur Veröffentlichung der Ergebnisse zur SINUS-Milieustudie interessiert auf. Es ist soweit. In diesem Jahr soll die 2012 ins Feld gegangene Forschungsstudie endlich publiziert werden. Zwei Bände wird es geben – mit Analysen und Interpretationsansätzen. Damit die Gemeindebasis damit arbeiten kann und und neue Sichtweisen auf die Gemeindearbeit hervorbrechen können, ist es notwendig, dass das Material dementsprechend aufbereitet wird.

Die Sinus-Milieu-Studie bietet ein Modell, in dem die Bevölkerung nach ihren Lebensauffassungen und Lebensweisen in 10 Milieus unterteilt wird. Diese Milieus unterscheiden sich in ihren Einstellungen zu Arbeit, Freizeit, Familie, Geld oder Konsum, und auch in demografischen Eigenschaften wie Bildung, Beruf oder Einkommen.

Hempelmann führte noch einmal ins Forschungsdesign der Studie ein und erklärt die einzelnen Milieus in Kürze. 71% aller Mitglieder befinden sich in 4 von 10 Milieus. Das bedeutet, dass die Landeskirche Menschen aus 6 Milieus wenig bis gar nicht erreicht.
Bei der Frage nach Einstellungen zu Glaube und Kirche findet die Studie 8 unterschiedliche Typen von Kirchenmitgliedern. Diese unterscheiden sich in ihrer Sicht und ihren Zugängen zu Glaube, Gott, Gemeinde zum Teil stark. So prägt z.B. den Typus der säkular Distanzierten (20%) eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Kirche ohne die Gründe dafür angeben zu können, warum man noch in der Kirche ist. Schon jetzt ist klar, dass die Fülle der Daten einer Reduktion zum Opfer fallen wird und die Studienergebnisse uns die kommenden Jahre begleiten könnten.
Hempelmann wünscht sich, dass eine anhaltende Debatte zur Relevanz der Studie ausgelöst wird und Einfluss nimmt auf das konkrete Handeln in den verschiedenen kirchlichen Feldern.
In der anschließenden Aussprache gab der Synodale Beck seiner Freude darüber Ausdruck, dass unsere Kirche die sozio-kulturellen Bedingtheiten ernst nimmt und für den Gemeindeaufbau nutzbar machen will. Aus der Studie können wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden. Wenn es gelingt, bei der Umsetzung weit genug zu denken, zu handeln und zu streiten, könnten wir damit kirchliche Trendsetter werden. Das Predigtwort vom Eröffnungsgottesdienst „Hauptsache Christus wird verkündigt“ könne zum milieuorientierten Gemeindeaufbau befreien mit all den Strukturveränderungen, Finanzfragen und ekklesiologischen Positionierungen. Notwendig sei, über die Studie hinaus weitere Forschung und die Ausbildung von Menschen zu fördern. Dadurch könnte in den Milieus die Gründung neuer Vergemeinschaftungen angestoßen werden.
Der Synodale Götz Kanzleiter wies darauf hin, dass aus diakonischem Blickwinkel, das prekäre Milieu im Besonderen im Blick zu behalten sei.

…………………………………………………………………………………………………….

2. Arme und benachteiligte Menschen in unserer Kirche

Werden sie zu wenig wahrgenommen?

Götz Kanzleiter stellt zusammen mit den Synodalen aus dem Diakonieausschuss die förmliche Anfrage zum Thema „Reichtum braucht ein Maß, Armut eine Grenze“. Bereits bei der Synodensommertagung im Jahr 2010 wurde dieses Thema qualifiziert und breit diskutiert. Es entstanden viele Papiere und Stellungnahmen. Bei der Beschäftigung im Diakonieausschuss der Synode entstand allerdings der Eindruck, dass das Thema nur begrenzt in den Kirchengemeinden angekommen ist. So formulierte die Anfrage: „ Nach unserer Wahrnehmung kommen arme Menschen in der realen Praxis wenig vor, Zugänge zur ortsnahen Kirchengemeinde gibt es für Menschen in prekären Lebenssituationen nur sehr wenige.“ Der Oberkirchenrat Dieter Kaufmann wurde in der Förmlichen Anfrage 03/15 gebeten über den Stand der Dinge zu berichten:

„In den vergangenen Jahren wurden vielfältig Impulse gesetzt und Angebote entwickelt, damit Kirchengemeinden arme Menschen wahrnehmen und diese ‚ihren selbstverständlichen Platz‘ im Leben der Gemeinde finden“, so Kaufmann. Dazu zählten die Projektstelle „Armut und Teilhabe“, Aktivitäten des Evangelischen Jugendwerks, der Landesarbeitsgemeinschaft der Seniorinnen und Senioren und anderer Gruppen. In vielen Kirchengemeinden und Kirchenbezirken könne eine Sensibilisierung für arme und ausgegrenzte Menschen beobachtet werden. Dies sei allerdings von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. Kirchengemeinden seien in gewisser Weise mittelschichtsorientiert. Es brauche daher einen anhaltenden Prozess der Bewusstseinsbildung, zu dem alle Gemeindeglieder beitragen können.
Die vollständige Antwort Kaufmanns findet sich hier.

…………………………………………………………………………………………………….

3. Schwerpunktthema Kinder- und Jugendarbeit

oder: Take me home to the place I belong

„Landschaften statt Inseln“ war das Bild, das die Ergebnisse aus der Studie „Jugend zählt“ für den Auftrag der Kirche auf den Punkt brachte.
Peter L. Schmidt freute sich besonders über den Schwerpunkt „Jugend“ dieser Synode, ist Jugendarbeit im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg doch sein täglich Brot. Fast könnte man meinen, die Kirche für morgen sei ein Kind des EJW, denn nicht wenige unserer Mitglieder und der „Gründungsväter“ kommen aus der Jugendarbeit unserer Landeskirche.

Nun bestand die Beschäftigung der Synode bei dieser Frühjahrstagung allerdings zunächst in der Auswertung der Jugendstatistik Baden-Württemberg „Jugend zählt“, es ging also anfangs v.a. um Zahlen. Prof. Dr. Friedrich Schweitzer führte am Podium umfassend ins Thema ein, am Freitagabend und am Samstagvormittag kamen dann in zahlreichen Arbeits- und Gesprächsgruppen die verschiedensten Mitarbeitenden aus der Jugendarbeit zu Wort.

Erfreut konnte Schmidt feststellen, dass es durchaus nicht nur die professionellen Mitarbeiter oder speziell gebrieften EJW-Freiwilligen waren, die sich dem Gespräch stellten, wie ein kritischer Kollege der Lebendigen Gemeinde geargwöhnt hatte: „Des werdet koine zehn echte Ehrenamtliche sei, die do kommat, bloß Experta“. Tatsächlich, und das räumte der LG-Profi dann selbst ein, war es eine bunte Mischung von haupt- und v.a. ehrenamtlichen Mitarbeitenden aus allen Bereichen der Jugendarbeit, die die Vielfalt ihrer Aufgaben und Herausforderungen auf ihre jeweils eigene Art und Weise beschrieben.

Emotionaler Höhepunkt war ein „Lagerfeuer“-Abend im Hospitalhof. Aus brennenden Feuerschalen schwebten Ascheflöckchen in den außergewöhnlich klaren, aber auch kühlen Stuttgarter Nachthimmel, als Michel Krimmer „Heute hier, morgen dort“ zur Klampfe pfiff und die Synodalgemeinde singend einstimmte. Nach „Country roads“ stellte EJW-Leiter Gottfried Heinzmann zwei sehr unterschiedliche junge Menschen vor, die beschrieben, wie sie ihren Weg als Mitarbeiter und Christen in unserer Gesellschaft suchen und gehen.

Und so mancher Altvordere war an diesem Abend im Geist wieder zu den Lagerabenden seiner Jugend in CVJM und Jungschar zurückgekehrt; doch der Zauber einer freien, ungebundenen Jugend auf der Gottessuche ist mehr als eine romantische Erinnerung. Junge Menschen tragen damals wie heute ein so unglaublich kreatives und lebendiges Potential in sich, dass es unsere Aufgabe sein muss, Ihnen weite Räume und Landschaften der Freiheit zu bieten – die lebendige Basis einer Kirche für morgen!
[Bericht Baur]
[Vortrag Schweitzer]

…………………………………………………………………………………………………….

4. Diskussionen und Unterstützung der Flüchtlingsarbeit

Der Flüchtlingsstrom nach Deutschland reißt nicht ab

Dieter Kaufmann, Oberkirchenrat und Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks berichtete über Zahlen und Tendenzen der Landeskirchlichen Flüchtlingsarbeit. Die Anzahl der Asylbewerber ist jetzt im siebten Jahr in Folge gestiegen. Zeitgleich lobte Kaufmann auch einen deutlichen Anstieg bei den Neugründungen von Asylarbeits- und Freundeskreisen. Dies geschehe vor allem im direkten Umfeld neu entstehender Flüchtlingsunterkünfte. In den einzelnen Arbeitskreisen engagieren sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Kreisen. Ihnen zur Seite stehen neben zwei Flüchtlingspfarrämtern in Stuttgart und Reutlingen die zwei neu geschaffenen Flüchtlingsdiakonate in Heilbronn und Ulm.

Um diese ehrenamtliche Arbeit vor Ort auch in Zukunft zu gewährleisten brauche es eine intensive Betreuung und eine Kultur der Anerkennung, so Kaufmann. Dabei helfen die zwölf neu geschaffenen 50%-Stellen im Bereich der Kirchenbezirksdiakonie. Insgesamt hat die Evangelische Landeskirche Württemberg bislang 3,55 Millionen Euro für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Dies sei ein sichtbares Zeichen für Flüchtlinge und die Gesellschaft.

Derzeit erreichen die Landeskirche sehr viele Anfragen zur Finanzierung von Kleinprojekten und Aktionen von Kirchengemeinden. Mit 350.000€ ist der dafür zur Verfügung stehende Fonds, jedoch sehr begrenzt. Diese Mittel  sollten in Zukunft weiter ausgebaut werden. Weitere Ziele für die Arbeit mit Flüchtlingen sind ein Ausbau der Versorgung von Traumatisierten, sowie eine Aufstockung der Kirchenbezirksstellen.
Für das bislang herausragende Engagement bei der Arbeit mit Flüchtlingen dankt Dieter Kaufmann allen Ehren- und Hauptamtlichen, sowie der Synode herzlich.

…………………………………………………………………………………………………….

5. Weitere Themen und Anträge

TOP 2 – Verwendung der anlässlich der Dreifach-Katastrophe in Japan bewilligten Gelder
Vor fast genau vier Jahren kam es im japanischen Fukushima zu einer Dreifach-Katastrophe. Ein Erdbeben vor der Küste Japans löste damals eine Tsunamiwelle aus, die wiederum unter anderem ein Atomkraftwerk nahe der Stadt Fukushima traf. Die Evangelische Landeskirche Württemberg richtete nur wenige Tage danach einen Hilfsfond mit einer Million Euro ein. Der Bericht von Oberkirchenrat Prof. Dr. Ulrich Heckel kann hier nachgelesen werden.

TOP 8 – Selbstständige Anträge
Antrag 02/15 befasst sich mit der Gründung eines landesweiten Rats der Religionen in Baden-Württemberg. In einem ersten Schritt sollten dazu zunächst mögliche Mitglieder identifiziert und Aufgaben und Ziele erörtert werden. Der Antrag wurde an den Ausschuss für Mission, Ökumene und Entwicklung verwiesen.

Inhalt des Antrags 03/15 ist die Schaffung eines Kompetenzzentrums „Frieden und Dialog der Religionen“  in der Akademie Bad Boll. In dieses Kompetenzzentrum sollen die Stellen für den Beauftragten für den Dialog mit dem Judentum und mit dem Islam sowie das Pfarramt für Friedensarbeit integriert werden. Diese Stellen sollen wieder auf je 100 Prozent Stellenumfang erhöht werden. Ergänzend soll eine weitere Stelle geschaffen werden, die sich vorrangig mit Themen der Globalisierung, weltweiter Armut und gewaltfreier Konfliktbewältigung beschäftigt. Der Antrag wurde an den Ausschuss für Kirche, Gesellschaft und Öffentlichkeit verwiesen.

Mit dem Antrag 05/15 wurde der Oberkirchenrat (OKR) gebeten zur Finanzierung der Christopherus-Autobahnkapelle an der A6 einen einmaligen landeskirchlichen Zuschuss von 40.000 Euro zu gewähren. Der Antrag wurde an den Finanzausschuss verwiesen.

Der OKR wurde im Antrag 06/15 gebeten zu überprüfen, ob die Verschiebung der Durchstufung in die stellenentsprechende Besoldung für Pfarrerinnen und Pfarrer aufgehoben werden kann und sie somit mit Stellenantritt in die stellenentsprechende Besoldungsstufe eingestuft werden können. Außerdem sollen die daraus resultierenden finanziellen Folgen aufgezeigt werden. Der Antrag wurde an den Finanzausschuss verwiesen.

Mit dem Antrag 07/15 wurde der OKR gebeten, einen Strukturfonds für Kirchengemeinden bereitzustellen, der bis 2020 etwa 50 Mio. Euro erreichen soll. Die ersten 25 Mio. Euro sollen dabei aus den Kirchensteuermehreinnahmen 2014 oder der Ausgleichsrücklage der Kirchengemeinden im Haushalt 2016  bereitgestellt werden. Der Antrag wurde an den Finanzausschuss unter Beteiligung des Strukturausschusses verwiesen.

Für die Gründung neuer Gemeindeformen und die Förderung Neuer Aufbrüche in bestehenden Gemeinden und Kirchenbezirken sollen, laut Antrag 08/15, im Rahmen eines eigenen Fonds ab dem Haushaltsjahr 2016 zehn bis 15 Mio. Euro zur Verfügung gestellt werden. Zudem sollen fünf Pfarrstellen und fünf Diakonenstellen im Stellenplan für diesen Fonds vorgesehen werden. Der Antrag wurde an den Strukturausschuss unter Beteiligung des Finanz- und des Theologischen Ausschusses  verwiesen.

Mit dem Antrag 09/15 möchten die Antragsteller die Themenfelder „Interreligiöser Dialog und Friedensarbeit“ neu zu konzipieren. Für die beiden Bereiche „Dialog mit dem Judentum“ und „Dialog mit dem Islam“ sollen jeweils eine Pfarrstelle zu 100 Prozent zur Verfügung stehen. Zusätzlich soll eine Studienleiterstelle für „Ökumene und interreligiösen Dialog“ und eine für „Friedenspädagogik“ eingerichtet werden. Der Antrag wurde an den Ausschuss für Kirche, Gesellschaft und Öffentlichkeit verwiesen.

Antrag 10/15 beinhaltet einen Änderungswunsch der Prädikantenordnung. Prädikantinnen und Prädikanten sollen demnach nach ihrer Ausbildung und Beauftragung auch zur Übernahme kirchlicher Amtshandlungen, wie Beerdigungen und Trauungen ermächtigt werden können. Der Antrag wurde an den Theologischen Ausschuss verwiesen.

 

Ausführliche Berichte unter www.elk-wue.de