Gemeindeporträt - Gemeinde: Lebensraum und Hoffnungsort
Gemeinde - Lebensraum und Hoffnungsort
Ein doppelter Blick über den Tellerrand: Nach Norden und in eine Gemeinde, die aus der Gemeinschaftstradition kommt. Gerd Voß berichtet, wie bei ihnen Räume entstanden sind, in denen Menschen Freundschaft erleben, Hilfe erfahren und schrittweise Gott näher kommen können.
Es gibt kein Konzept oder Rezept, das einfach nur befolgt werden müsste, damit Menschen heute zum Glauben finden. Aber es gibt Wege zu ihnen und mit ihnen. Beziehungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Bei uns strömen nicht Massen, aber es kommen durchaus jedes Jahr Menschen zum Glauben und finden bleibend Heimat in unserer Landeskirchlichen Gemeinschaft (LKG) in Verden an der Aller. Wie und wodurch das bei uns geschieht, wird verständlich von unserem Konzept her. Es ist von ein paar Grundentscheidungen geprägt, die alle Bereiche der Gemeindearbeit durchziehen.
Wir verstehen uns als Gemeinde
Das Doppelkonstrukt, in dem Menschen in der LKG wie in einer Kirchengemeinde zu Hause sind, ist für die allermeisten Menschen unserer Region eine zeitliche und emotionale Überforderung. Vor allem als missionarische Gemeinschaft erleben wir das, was dem Gänseküken passiert, wenn es aus dem Ei schlüpft: Wen es als erstes sieht, den betrachtet es als seine Mutter. Wer bei uns zum Glauben findet, sieht uns als seine Gemeinde. Wir sind integraler Bestandteil der Evangelischen Kirche, und unsere Mitglieder sind auch Kirchenmitglieder. Kasualien werden von der Landeskirche oder gemeinsam mit uns durchgeführt. Soziologisch und theologisch gesehen sind wir eine Gemeinde. Die lokale Kirche betrachtet dies mit großem Wohlwollen. Dreischritt: Sein, Bewirken, Tun
Sein: Wir fragen nicht zuerst nach dem, was man so alles machen kann und welche Ideen uns begeistern. In einem Leitbildprozess haben wir geklärt, was wir als Gemeinde nach biblischen Maßstäben sind. Was bedeutet es seinsmäßig, eine Gemeinschaft von Christen zu sein? Daraus erwuchs unser Leitsatz: Unsere Gemeinde ist ein Zuhause, in dem Menschen Hoffnung finden und das Leben, für das sie von Gott geschaffen sind.Bewirken: Welche Wirkung soll unser Sosein haben? Das ergibt sich logisch aus dem Leitsatz: Das Zuhause ist von Beziehungen geprägt. Es sollen also tragfähige Beziehungen entstehen. Die Hoffnung soll aus unserem Sein und Verkündigen strahlen. Das Leben in dieser Zeit soll als gottgeschenkte einmalige Chance entdeckt und gelebt werden können.
Tun: Erst jetzt kommt die Frage nach der konkreten Umsetzung. In entsprechend gestalteten Gottesdiensten, Gruppen und Angeboten sollen Sein und Bewirken konkretisiert werden.
Focus Alltag
Alle Gruppen und Veranstaltungen sollen so sein, dass jederzeit jeder dazu kommen kann. Darum feiern wir keine Gästegottesdienste. Jeder Gottesdienst ist gästetauglich. Darum halten wir keine missionarischen Sammelveranstaltungen, sondern Glaubenskurse, die nah an der Gemeindewirklichkeit sind nach dem Prinzip: „What you see is what you get“ („Was du hier siehst, ist auch das, was du hier später vorfindest“). Den immensen Kraftaufwand für Sonderveranstaltungen sparen wir uns. Alle Kraft fließt bei uns in die Alltagsqualität. Wir bauen kontinuierlich an einem stehenden Konzept von Gemeinde, das nicht von Projekten und Einzelaktionen lebt. Beziehungen bauen, Heimat schaffen
Jedes Mitglied der LKG und jeder regelmäßige Besucher soll die Möglichkeit haben, zu einer tragfähigen Kleingruppe zu gehören. Darum hat unsere relativ kleine Gemeinschaft mit knapp 100 Mitgliedern 14 Hauskreise. Der Schwerpunkt der Hauskreise liegt nicht auf Bibelarbeit, sondern auf dem persönlichen Austausch, dem Gebet füreinander und der gegenseitigen Begleitung. Natürlich ist Bibelarbeit Bestandteil der Hauskreisabende, aber es handelt sich nicht um kleine Bibelstunden. Die Teilnehmerzahl sollte einstellig bleiben. Durch diese Struktur ist das Zugehörigkeitsgefühl nicht von Predigerbesuchen abhängig, sondern von der Gemeinschaft der Menschen untereinander. Das „funktioniert“ natürlich unterschiedlich gut, aber es wird angestrebt und gefördert. Wir können nur in Kleingruppen ein wirkliches Zuhause anbieten.Angebote zwischen Distanz und Nähe
Ein Foyer ist der Vorraum vor dem eigentlichen Haupthaus, ein zwangloser Treffpunkt zum Reinschnuppern. Im Großen und Ganzen sehe ich vier Foyers in unserer Gemeinde: Musik/Kultur, Essen, Sport/Hobby, Hilfe. Der Alphakurs ist nicht unbedingt der erste Einstieg für Neue. Verschiedene unverbindliche Foyers bilden Vertrauen. Zum Beispiel unsere Gemeindemusikschule ConTakte. 2007 ist sie gestartet. Über 140 SchülerInnen nehmen inzwischen ihre Angebote wahr. Die Lehrenden unterrichten nicht nur Musik, sondern haben auch ein Auge auf die Befindlichkeit der Schüler und Eltern. Gespräche zwischen Tür und Angel schaffen schon hier Beziehungen. Als kleiner Zwischenschritt werden ab Sommer 2009 monatliche Krabbelgottesdienste für Eltern und Kleinkinder angeboten. Einmal monatlich feiern wir unseren Gottesdienst statt um 18 Uhr um 10:30 Uhr. Die Kinder haben während dieser Zeit eine Spielstraße und ein Bibelabenteuerland. Im Anschluss gibt es ein gemeinsames Mittagessen, bei dem auf ganz ungezwungene Weise Kontakte entstehen. So kommt es irgendwann zu dem Punkt, an dem eine Einladung zum Glaubenskurs logisch und folgerichtig erscheint.Die Teilnehmenden des Alphakurses gehen in der Regel große Schritte im Glauben. Manche beginnen ein Leben als Christ, andere kommen zwar weiter, aber sie brauchen noch Zeit. Aber fast alle sind noch nicht so weit, z.B. ab jetzt einen Hauskreis zu besuchen. Das wäre zu schnell zu viel gewollt. Nach dem neunwöchigen Alphakurs wird darum ein Betakurs angeboten: „Dem Glauben weiter auf der Spur“. Die Themen des Alphakurses werden darin praktischer vertieft und ergänzt. Danach bilden sich aus dieser fast halbjährlichen Kursgemeinschaft Hauskreise. Oder man spricht sich ab, welchen Kreis man in kleinen Grüppchen besuchen wird. Dort setzt sich das geistliche Wachstum dann weiter fort.
Einander helfen
Die Seelsorge nimmt breiten Raum ein. Einerseits durch ein stehendes Seelsorgeteam, andererseits dadurch, dass wir versuchen, mehr und mehr eine seelsorgerliche Gemeinde zu werden. Ungefähr 80% aller Menschen, mit denen wir es zu tun haben, haben wirkliche Lasten zu tragen. Beziehungsprobleme und Überlastungssymptome sind sehr häufig. Im Alphakurs zeigt sich die Bedeutung von Seelsorge besonders stark. Menschen sind es kaum gewohnt, eine Atmosphäre echten Interesses zu erleben. Wenn die ersten Schwellenängste dem Vertrauen gewichen sind, kommen viele Teilnehmende zu einzelnen Mitarbeitern mit einem Anliegen oder der Bitte um ein Gespräch. Es gab bisher keinen einzigen Kurs, wo nicht mehrfach Tränen geflossen wären – und das bei Menschen, die nach außen hin nicht belastet wirken. Eine offene, freundliche und menschliche Atmosphäre ist für die gesamte Gemeinde wichtig. Das Signal: „Hier darfst du schwach sein, ich bin’s auch“ ist wichtig für die Öffnung der Herzen auch für Jesus, dessen Repräsentanten wir sind, ob wir es wollen oder nicht. Hier liegt für mich ein wesentlicher Schlüssel in der gesamten inneren Einstellung zu Evangelisation und Gemeindebau. Wenn ich missionarisch tätig bin, weil mir die leeren Stühle im Gemeindehaus mehr wehtun als die Not der Menschen, dann spüren sie das sehr bald. Ich bin dann gar nicht in der Lage, mich so auf sie einzulassen, wie sie es brauchen. Unser Team „Hilfe zum Leben“ ist für Menschen im „Foyer“ ein echtes Glaubenszeugnis: Ehrenamtliche Hilfe bei der Autoreparatur, Haushaltshilfe in familiären Problemphasen, Babysittingdienst, Beratung in wirtschaftlichen Fragen usw. Gerade im Zeitalter der Alleinerziehenden ist Zeit- und Geldnot ein echtes Thema. Der Ansatz zum Glauben, die Grundfrage, mit der Menschen an Gott herantreten, ist heute nicht mehr Schuld und Vergebung, sondern Kraft und Hoffnung. Da liegt nach unserer Erfahrung der Anknüpfungspunkt, darum braucht missionarischer Gemeindeaufbau heute mehr als Worte. Er geschieht durch die Hände und durch die zuwendende Liebe – dann wird man uns vielleicht auch zuhören. Glauben lernen durch Mitmachen
Zuletzt: Ich nehme wahr, dass hier in Verden mindestens 30% der Menschen durch Worte kaum erreicht werden. Sie kommen allein durch Worte nicht zum Glauben, und sie wachsen nicht geistlich durch Gespräche und Bibelarbeiten. Sie brauchen nur ein Minimum an Glaubensinformation – die so genannten Basics. Der Rest geschieht, während sie selbst aktiv werden. Eine riesige Gruppe von Menschen wächst geistlich, indem sie etwas tut, das anderen hilft und gut tut. Menschen wollen etwas bewirken, sie finden Sinn und Hoffnung nicht in Gedanken, sondern im Tun. Die Möglichkeiten dazu wollen wir in Zukunft stärker eröffnen. |
Gerd Voß ist Prediger in der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Verden an der Aller. Bis 2001 war er Jugendreferent in Reutlingen und bei den ersten Anfängen von Kirche für morgen mit dabei. |
