Pro und Contra: Ist Kirche lernfähig?
Pro und Contra: Ist Kirche lernfähig?
Nicht nur die Menschen in der Kirche, sondern die Evangelische Kirche als Organisation? Wir haben zwei Insider gefragt, die es wissen müssen. Ihre Einschätzung hätte nicht unterschiedlicher ausfallen können. Ulrich Mack, Prälat in Stuttgart, und Reinhold Krebs, Landesreferent im ejw, beziehen eindeutig Position im Blick auf die Lernfähigkeit der Evangelischen Kirche.
„Was Lernfähigkeit angeht, ist die Evangelische Kirche auf einem guten Weg.“
Hoffentlich! Zumindest ist sie auf einem Weg, ich meine: in vieler Hinsicht auch auf einem guten – und das schon seit 500 Jahren. Die Reformation zeugt von ihrer Fähigkeit, auf das Evangelium zu hören und immer neu zu fragen, wie Gemeinde heute leben und Verkündigung aussehen soll.
Was hat sich allein in den letzten fünfzig Jahren verändert? Neue Gottesdienstformen sind entstanden, ungezählt viele neue Lieder wurden gedichtet und komponiert, Musikstile haben sich verändert, die Zahl der Gruppen, Kreise, Projekte und Aktionen (und auch die der Gemeindehäuser!) hat sich massiv vermehrt, Ehrenamtliche und gewählte Gremien wirken an der Leitung der Kirche viel stärker mit als früher. Auch die Entstehung von Kirche für morgen ist ein lebendiger Erweis kirchlicher Lernfähigkeit. Wobei ein qualifiziertes Lernen immer auch den Blick dafür schärft, was noch alles zu lernen wäre.
Im Projekt „Wachsende Kirche“ wollen wir das Finden neuer Wege unterstützen und Modelle multiplizieren. Aktionen wie „ChurchNight“ werden gefördert. Neue Gemeindeformen werden zurzeit initiiert, diskutiert und probiert. Und trotzdem: Es bleibt weiter viel zu lernen und zu tun. Warum? Einfach deshalb, weil sich Menschen verändern und Gesellschaft wandelt. Und als Kirche müssen und wollen wir darauf reagieren. Ich komme aus einer aktiven Jugendarbeit. Da haben wir gelernt, dass jede Generation neu fragen muss: Was ist jetzt dran? Wie erreichen wir Jugendliche in ihren Lebenswelten?
„Ecclesia semper reformanda“ – Kirche muss immer wieder reformiert, erneuert und gestaltet werden. Erst in der Ewigkeit hat sie ausgelernt. Wobei ich verstehe, dass manches heute nötige Lernen vielen Christen viel zu langsam geschieht oder wegen zu viel Verkrustungen gar nicht. Viel wichtiger ist für mich aber die Frage: Was und vor allem von wem lernen wir? „Lernt von mir“, sagt Jesus (Mt 11,29). Lernfähig bleibt unsere Kirche dann, wenn wir hörbereit auf sein Wort, offen für seinen Heiligen Geist und sensibel für die Situation der Menschen sind. Klar – es gibt in unserer Kirche viele Gründe zu jammern. Aber es gibt einen Grund, mutig zu glauben, gelassen zu vertrauen, intelligent das Evangelium weiterzugeben und fröhlich mit anzupacken: Jesus Christus selbst. Mit ihm sind wir auf einem guten Weg.
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Ulrich Mack, Prälat in Stuttgart |
„Was Lernfähigkeit angeht, ist die Evangelische Kirche auf keinem guten Weg.“
„Gib mir ein bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint“ singt die Band Silbermond – selbst in der jungen Generation wächst das Bedürfnis nach dem „Fels in der Brandung“. Kommt das nicht wie gerufen für die Evangelische Kirche? „Unsere Evangelische Kirche: gestern, heute – und dieselbe auch in Ewigkeit.“ Genau hier lauert der Sündenfall, das „Sein wollen wie Gott“. Eine solche Kirche mag neue Bedürfnisse moderner Gesellschaften erfüllen, aber nicht ihre Berufung.
„Wenn unser Herr Jesus Christus sagt ‚Tut Buße’, will er, dass unser ganzes Leben Buße ist.“ Die erste These Luthers gilt auch der Kirche. Buße meint ja: Umdenken, herausgerufen sein aus den Sachzwängen der Welt, Neuorientierung auf das Reich Gottes hin. Ist die Evangelische Kirche eine „Veränderungs-Agentur“, die sich immer neu auf Gott und die Menschen ausrichtet – flexibel, visionsorientiert, dynamisch?
Kirche, so wie sie ist, als konsistoriales System mit Beamten, gleicht am ehesten der Schule und der öffentlichen Verwaltung. Wer dort in den 1990er Jahren „neue Steuerung“ erlebte, wer Schulrektoren heute stöhnen hört über Veränderungsdruck, kann bei Kirchens nur Gemächlichkeit und Dornröschen-Schlaf diagnostizieren. Projekte wie „Notwendiger Wandel“ zeigen schon im Namen, wie Wandel gesehen wird.
Auch die deutsche Bildung hielt sich für spitze, bis sie lernte – PISA sei Dank – wirklich in den Spiegel zu sehen. Der PISA-Schock steht der Kirche erst noch bevor. Zu gern lebt man noch in Illusionen. So zählt man an vier Sonntagen die Gottesdienst-Besucher, darunter Heiligabend und Erntedank. Und Bischöfe weisen gern darauf hin, dass in den deutschen Gottesdiensten sonntags mehr Menschen seien als samstags in den Bundesliga-Stadien. Ist es intelligent zu beteuern: In unseren 16.000 Veranstaltungen sind mehr als in euren neun? Dagegen müsste man mal die Realität sonntäglicher Innenstadtkirchen in einer Fotoserie dokumentieren. Als Kirche für morgen 2003 Zahlen über die Altersstruktur der Besucher veröffentlichte, wurde uns „Alters-Rassismus“ vorgeworfen. Lieber nicht so genau hinschauen.
Hesekiel 37 erzählt, wie der Prophet auf ein Feld voller Knochen geführt wird. Erst dort, in der Stunde schonungsloser Wahrnehmung, in der eigenen Hilflosigkeit, empfängt er das Verheißungswort, dass der Geist des Lebens neu wehen wird. Anders wird es mit unserer Kirche auch nicht sein.
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Reinhold Krebs, Landesreferent im ejw und Vorstandsmitglied von Kirche für morgen |
Abenteuer Ausland
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Eine Zusammenstellung kirchlicher Angebote findet sich hier.

