Taizé - ökumenischer Ort der Begegnung

Taizé - ökumenischer Ort der Begegnung

Taizé inspiriert jedes Jahr tausende Besucher aus aller Welt, ihren Glauben zu erneuern und zu vertiefen. Im Gespräch mit dem Prior Frère Alois versucht Thomas Hoffmann-Dieterich, das Geheimnis von Taizé näher zu ergründen. Frère Alois ist katholisch und kommt aus Deutschland.

Frère Alois, in den normalen Gottesdiensten der etablierten Kirchen spüren viele Menschen oft nur noch wenig von Gottes Gegenwart. Anders in Taizé. Schon nach ein bis zwei Tagen beginnen entkirchlichte Menschen zu singen und zu beten. Wie erklären Sie sich solche Verhaltensänderungen?
Wir sind überrascht, wie sehr sich die Jugendlichen hier öffnen. Dies hängt auch damit zusammen, dass Frère Roger es gewagt hat, die Gebetsform und auch die Form des Kirchenraumes in Taizé zu verändern. Ich nenne ein Beispiel: Dreimal am Tag lesen wir in der Kirche aus der Bibel. Wir können dazu aber angesichts der vielen Sprachen nicht dreimal am Tag eine Auslegung geben. Das machen wir in den Bibelgruppen, außerhalb des Gottesdienstes, dort geschieht die Bibelarbeit mit Auslegung und anschließendem Gespräch. In der Kirche hören wir einfach ein Bibelwort, und dann ist Stille. Damit wollen wir einen Zugang schaffen zur Mitte des Evangeliums, Christus selbst, zu seinem Tod und seiner Auferstehung, und zu seiner Gegenwart heute. Darauf soll unser Gottesdienst ausgerichtet sein. Deshalb konzentrieren wir uns auf kurze Texte und die Stille vor Gott. Wir sind erstaunt, wie sehr Jugendliche das annehmen. Viele Jugendliche sagen mir am Ende der Woche, die Stille sei für sie das Wichtigste gewesen. Das ist doch erstaunlich. Sie haben ein tiefes Bedürfnis nach Stille und Einfachheit. Die Tatsache, dass Jugendliche hier unter gleichen Bedingungen leben – jemand aus Deutschland nicht anders als jemand aus Afrika – bewirkt, dass sie anders aufeinander zugehen. Sie hören ganz anders aufeinander. Die Einfachheit, die Stille – das sind ganz tiefe Bedürfnisse, die hier in Taizé geweckt werden.

Nach dem Abendgottesdienst bleiben viele Jugendliche in der Kirche, singen weiter oder suchen das Gespräch mit den Brüdern.
Ja, danach geschieht noch viel. Manche sagen: Da fängt das eigentliche Gebet erst an. Damit haben jedoch die Jugendlichen begonnen, das war nicht unsere Idee. Wir beteten und sangen dreimal täglich eine dreiviertel Stunde und wandten uns dann wieder unserem Tagwerk zu. Die Jugendlichen aber sind einfach dageblieben. Daraufhin meinte Frère Roger, einige Brüder müssten ebenfalls bleiben und die Jugendlichen begleiten. Die Jugendlichen kommen zu uns zu persönlichen Gesprächen. Sie wollen mitteilen, was sie hier erleben, eine Sorge loswerden, eine Frage stellen oder einfach sagen, was sie freut. Nach dem Abendgebet können sie immer jemanden von uns ansprechen oder auch einen Augenblick lang mit jemandem beten. Darüber hinaus gibt es auch Gelegenheit zur Beichte.
 

Das Abendmahl in Taizé

Ist das Abendmahl, das die Jugendlichen empfangen, eigentlich ein katholisches oder ein evangelisches, oder ist es ein „Taizé-Abendmahl“?
Sicher kein „Taizé-Abendmahl“, denn dann wären wir ja eine neue Kirche. Das ist eine ganz schwierige Frage, für die wir im Grunde genommen keine Antwort haben. Wir wollen keine „Taizé-Lösung“. Wir ermutigen die Jugendlichen vielmehr, in ihre Herkunftskirchen zurückzukehren und dort Gebet und gemeinsames Teilen zu praktizieren. Wir ermutigen sie, ihre Wurzeln zu erkennen und von dort her die Ökumene zu entdecken. Anfang der siebziger Jahre, als die ersten katholischen Brüder in die Communauté eintreten konnten, hat Frère Roger gesagt: „Wenn wir zusammen sind, wollen wir an einen Tisch gehen.“ Es tat sich mit Einverständnis der Bischofskonferenz in Frankreich die Möglichkeit auf, dass alle Brüder an einen Tisch gehen können. Deshalb wird am Ende jedes Morgengebets die Kommunion ausgeteilt. Es gibt außerdem jede Woche am Samstag eine oder mehrere Abendmahlsfeiern in den Heimatsprachen anwesender evangelischer Gruppen. So oft orthodoxe Christen unter den Besuchern sind, halten sie Eucharistie nach ihrer Ordnung. Es ist wichtig, dass hier jeder verantwortlich handelt. Es kann nichts Zwangsläufiges geben. Deshalb teilen wir auch jeden Morgen gesegnetes Brot aus, ein Brauch, der aus den Ostkirchen kommt. Jugendliche stehen mit Brotkörben bereit. Auch ganz kleine Kinder und die mitunter beträchtliche Zahl von Jugendlichen, die nicht getauft sind, können dieses gesegnete Brot nehmen. Aber auch alle anderen. Dies ist ein Zeichen der Gemeinschaft in Christus für alle, ein Zeichen, das die Trennung ein bisschen entschärft.

Ihr Vorgänger, Frère Roger, war ja ein Brückenbauer hin zur katholischen Kirche. Er konnte sogar die Türen zum Vatikan weit öffnen. Brüder von Taizé leben jedoch auch in Afrika oder Lateinamerika. Wäre es denkbar, dass die Brüder, die dort leben, die Türen auch zu den charismatischen und evangelikalen Pfingstgemeinden hin öffnen, etwa mit gemeinsamen Gottesdiensten und sozialen Projekten?
Diese Frage ist wichtig und stellt sich uns ganz konkret, zum Beispiel bei den Brüdern, die im Nord-Osten Brasiliens leben, in Bahia, in einem sehr armen Stadtviertel, wo die evangelikalen Gemeinden sehr stark anwachsen. Die Brüder suchen dort einen Dialog.

Bibeln für China

Da wir gerade bei der weltweiten Kirche sind: Ich habe gelesen, dass Sie gerade eine Million Bibeln für China drucken lassen. Können Sie dazu noch einen Satz sagen?
In China ermutigen die Kirchenverantwortlichen dazu, mehr in der Bibel zu lesen, insbesondere ermutigen sie die Jugendlichen und die Menschen, die sich auf die Taufe vorbereiten oder erst kürzlich getauft worden sind. Dieses Bemühen wollen wir unterstützen und haben deshalb die Initiative ergriffen, vor Ort, in Nanjing, eine Million Bibeln drucken zu lassen, genauer gesagt 800.000 Neue Testamente und 200.000 Bibeln. Die Bibeln dürfen nicht importiert werden, sondern müssen in China gedruckt werden. Die ersten 100.000 Exemplare wurden nach Ostern ausgeliefert. Der Weltbund der Bibelgesellschaften stellt das benötigte Papier zur Verfügung. Die Christen in diesem großen Land sind für diese Unterstützung dankbar. So ein Projekt kann freilich nur gelingen, wenn uns viele Menschen, die dazu in der Lage sind, unterstützen. Der Druck eines Exemplars des Neuen Testaments kostet etwa 1,50 Euro, eine Bibelausgabe etwa 3 Euro. Leser des Zitronenfalters, die diese Aktion unterstützen möchten, können auf das unten genannte Konto einen Geldbetrag überweisen.

Frère Alois, Sie haben während ihres Noviziats auch in Lyon Theologie studiert. Gab es eine Denkschule oder einen Theologen, der sie damals besonders fasziniert hat?
Unser Studium machen wir in Taizé selbst. Wir haben damals auch einige Vorlesungen in Lyon gehört. Vor allem die Geschichte der alten Kirche und die Kirchenväter habe ich dort entdeckt. Es freute mich, als ich las, dass Bonhoeffer in Tegel ebenfalls die Kirchenväter studiert hat. Ich hatte immer großes Interesse an Dietrich Bonhoeffer. Die Parallelen zu Frère Roger, auch was die Suche nach einem gemeinsamen Leben angeht, sind erstaunlich. Obwohl sie völlig verschieden waren und sich nie getroffen haben.

Wollten Sie eigentlich einmal Priester werden?
Nein, Priester gehören in die Kirchenge­mein­den, wir sind eine Laiengemeinschaft.

Stuttgarter Wurzeln

Sie sind im Stuttgarter Osten aufgewachsen. Was verbindet sie mit Stuttgart?
Vor allem meine Familie. Die Geschwister leben immer noch in Stuttgart, und ich bin dort aufgewachsen. Ich habe unzählige Kindheits- und Jugenderinnerungen, die mich mit Stuttgart verbinden. Deshalb freue ich mich ganz besonders, dass ich im Oktober dieses Jahres wieder nach Stuttgart kommen kann. Am 10. Oktober halten wir in der Stiftskirche und der Kathedrale St. Eberhard gleichzeitig ein Abendgebet,an dem auch Landesbischof Frank O. July und Diözesanbischof Gebhard Fürst gemeinsam teilnehmen.

Was ist das Anliegen bei dem Besuch in Stuttgart?

Wir haben zwei Anliegen: Dass wir uns mit allen, die an diesem Tag teilnehmen, die Frage stellen, was Glauben in unserer Welt heute bedeutet. Was bedeutet Vertrauen auf Gott? Wie kann das unser Leben prägen? Der Glaube sollte ja nicht einfach eine Theorie sein, sondern soll unser Leben prägen, und da ist das Stichwort Vertrauen für uns hier in Taizé sehr wichtig. Unser anderes Anliegen ist: Wie können wir aus diesem Vertrauen auf Gott heraus auch in unserer Gesellschaft Vertrauen schaffen? Das ist etwas ganz Dringendes: Vertrauen in die Zukunft, in einer Situation, in der die Zukunft nicht rosig aussieht. In der sich viele Jugendliche fragen: Wie soll mein Leben weitergehen? Wir freuen uns darüber, dass schon viele ihre Bereitschaft bekundet haben, diesen Abend mit vorzubereiten!
 

Infos zu Taizé

Homepage
Erfahrungen von Jugendlichen
Fahrtmöglichkeiten nach Taizé

Taizé – Jugendtreffen in Stuttgart am Samstag, 10. Oktober 2009:

Auf Einladung der beiden württembergischen Bischöfe kommen Frère Alois und einige andere Brüder nach Stuttgart.
12.30 Uhr:    Mittagsgebet in der Stiftskirche, anschl. Mittagessen
Nachmittags:    Verschiedene Angebote für Jugendliche ab 14 Jahren
19.30 Uhr:    Abendgebet in der Stiftskirche und in St. Eberhard
Aktuelle Infos: www.ejus-online.de/termine/taize2009.html