Heimat für Grenzgänger - spirituelles Zentrum St. Martin, München
Heimat für Grenzgänger
Martin Schmid hat das „Spirituelle Zentrum St. Martin“ in München besucht. Dort will man auf unkonventionellen Wegen Brücken zum christlichen Glauben bauen, ohne die eigene Identität aufzugeben. Der Leiter, Pfarrer Andreas Ebert, berichtet von seinen Erfahrungen.
Vor fünf Jahren hat die evangelisch-lutherische Landeskirche in Bayern das Hinterhof-Gemeindezentrum St. Martin, eine Dépendance der großen St. Lukaskirche im angesagten Münchner Glockenbachviertel, in ein „Spirituelles Zentrum“ umgewidmet. Der Anlass dafür war der Rückzug der Landeskirche
aus dem „Haus der Stille – Schloss Altenburg“, einer Meditationsstätte außerhalb von München. Die Gründe dafür waren finanzielle und „ideologische“. Die Spiritualität Schloss Altenburgs erschien vielen kirchlichen Insidern als zu synkretistisch: Bogenschießen, Yoga, Tai Chi, Zen-Meditation, schamanische Riten neben ignatianischen Exerzitien und christlicher Kontemplation – der Mix kam manchen Kritikern zu beliebig vor. Die christliche oder gar lutherische Identität schien in Gefahr.Brückenbauer
St. Martin ist der Versuch, aus einer klaren christlichen Mitte heraus suchende Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche anzusprechen, ohne sich dabei ständig abzugrenzen. Wer eine eigene Identität hat, muss die Begegnung oder Überfremdung nicht fürchten, kann ökumenisch und sogar interreligiös lernen und anderen Traditionen und Wegen mit Respekt begegnen. Das freilich ist eine Gratwanderung, die dazu führt, dass den einen St. Martin zu christlich ist, den anderen zu offen. Aber wir sind der Meinung: Solange es Kritik von beiden Seiten gibt, müssen wir irgendetwas richtig machen. Wer Brücken baut, muss damit rechnen, dass man von beiden Seiten auf diesen Brücken herumtrampelt.Die Rückkehr der Suchenden
Viel erfreulicher ist aber die Tatsache, dass diese zugleich klare und dennoch offene Haltung auch anziehend wirkt. Zum typischen Klientel des Spirituellen Zentrums zählen Menschen, die von der Kirche entfremdet waren, aber dennoch spirituell gesucht haben, z.B. im Buddhismus oder in indischen Aschrams. Sie haben jedoch gemerkt, dass auch dort nur mit Wasser gekocht wird – oder sie hatten irgendwann Sehnsucht nach den eigenen abendländischen und christlichen Wurzeln. Das freilich bedeutet in der Regel nicht, dass sie einfach zu den traditionellen christlichen Formen und Formeln zurückkehren wollen. Solche Menschen bringen Erfahrungen mit. Die Frage ist, ob wir solche Erfahrungen wertschätzen oder abweisen.Alte Gebetsformen neu entdecken
Man kann das am Beispiel der Meditation festmachen: In den westlichen christlichen Kirchen waren die Mystik und die sogenannten kontemplativen Formen des Gebets (schweigende Versenkung) weitgehend in Vergessenheit geraten. Vor allem Missionare und katholische Ordensleute waren es, die im ausgehenden 20. Jahrhundert in Fernost die dortigen Praktiken der Meditation und der spirituellen Körperarbeit – insbesondere Zen-Meditation und Yoga – kennen und schätzen lernten. Manche von ihnen begannen zu forschen, ob es im Christentum nicht Ähnliches gibt – und sie wurden fündig. Vor allem in den orthodoxen Kirchen des christlichen Ostens gibt es einen spirituellen Traditionsstrom, der bis ins frühe Mönchtum zurückreicht. Er nennt sich „Hesychasmus“ (von griechisch hesychia= Herzensruhe) und basiert auf der mantrischen Wiederholung des Jesusnamens bzw. des Zöllnergebets „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich“. Ein solches mantrisches Gebet geschieht in Verbindung mit Atmung, Herzschlag, und manchmal auch unter Zuhilfenahme einer Gebetsschnur, wie es sie in den großen Religionen gibt – im westlichen Christentum der „Rosenkranz“, neuerdings auch die lutherischen „Perlen des Glaubens“. Die vorurteilslose Begegnung mit dieser dem westlichen Christentum fremden Praxis führte in vielen Fällen dazu, dass die spirituell Suchenden ihre eigene Tradition neu und vertieft kennen lernten und dort verschüttete spirituelle Quellen wieder freilegten. Ähnliches gilt auch für das Körpergebet. Obwohl die Bibel ein durch und durch lebensbejahendes Buch ist, mit vielen Hinweisen auf die Körpersprache (Psalm 84,3: „Mein Leib und Seele freuen sich in Gott“), hat sich das gestische Beten wenig entwickelt. Die Begegnung mit östlichen Religionen hat bei uns als Protestanten das Bewusstsein verändert und uns Mut gemacht, beim Beten auch einmal zu knien oder die Hände zu öffnen, anstatt sie vor dem Bauch zu falten.
Evangelische Freiheit
In St. Martin erleben wir, dass es Menschen gut tut, sich mit Leib und Seele auf Gott einzulassen. Meditativer Tanz, kontemplatives Sitzen in der Stille, Tai Chi, die Wiederbelebung alter Rituale wie das Aschenkreuz am Aschermittwoch, oder auch Segnung und Salbung unterstützen einen ganzheitlichen Glauben, der nicht im Kopf bleibt. Wir sind dankbar für die Begegnung mit anderen Konfessionen und Religionen, die uns einladen, unseren spirituellen Horizont zu erweitern, ohne unsere Identität aufzugeben. Wir als Evangelische haben zu diesem Dialog eine Menge beizutragen: unsere Liebe zur Bibel, unser Bemühen, Glaubensinhalte auch dem Verstand zugänglich zu machen, die Wertschätzung des Einzelnen und seines Weges und all das, was – richtig verstanden – „evangelische Freiheit“ heißt. Sie befähigt uns aus der Mitte heraus, die Jesus Christus heißt, alles zu prüfen und das Gute zu behalten. Oder wie Paulus an anderer Stelle sagt: „Alles ist euer – ihr aber seid Christi“.![]() |
Andreas Ebert, Pfarrer und Leiter des Spirituellen Zentrums St. Martin am Blockenbach in München (Autor, u. a. „Das Enneagramm”). Weitere Hinweise auf der Homepage von St. Martin |
