Lernen im Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand
Lernen im Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand
Von anderen zu lernen ist notwendig und weiterführend. Dennoch bleiben wir oft gerne beim Alten und Bekannten. Wie Lernen voneinander sinnvoll funktionieren kann, zeigt Christoph Th. Scheilke.
Leicht ist es und schwer zugleich, von anderen zu lernen. Kinder brauchen andere Menschen um lernen zu können, zuerst Eltern und Geschwister. Dann als Jugendliche benötigen sie Ideale und Vorbilder – moderne Heilige à la Bonhoeffer, Martin Luther King, Mutter Teresa oder „local heroes“. Kinder wachsen am anderen. Sie müssen von anderen lernen. Menschenbildung geschieht dabei in einem ständigen Wechsel von Anpassung und Widerstand. Dieser Wechsel ist wichtig. Nachahmen allein bringt auf Dauer nichts – wir müssen auch eigene Handlungsmöglichkeiten entwickeln, durch die wir uns abgrenzen.Andersheit annehmen fällt schwer
Vom anderen zu lernen ist aber auch schwer. Man muss ihn nämlich anders sein lassen. Mein Gegenüber immer nur an mich angleichen zu wollen, verringert die eigenen Lernmöglichkeiten. „Erst wenn der Einzelne den Anderen, in all seiner Anderheit, als sich, als den Menschen erkennt und von da aus zum Anderen durchbricht, wird er, in seiner strengen und verwandelnden Begegnung, seine Einsamkeit durchbrochen haben.“(Martin Buber, Das Problem des Menschen, Heidelberg 1954, 163 f.) Wie schwer es fällt, von anderen zu lernen, zeigen die letztjährigen Entwicklungen im deutschen Schulwesen. Da gibt es schon seit langem hervorragend arbeitende Schulen. Durch den seit 2006 verliehenen Deutschen Schulpreis hat sich ein Netzwerk exzellenter Schulen gebildet. Trotzdem arbeitet
die große Mehrheit der Schulen meist vor sich hin. Das in der Vergangenheit gültige „Schema F“ macht’s leicht – da kann man ja angeblich nichts falsch machen. Man macht es eben wie die anderen. Das Problem jedoch ist: Keine Schule gleicht wirklich der anderen, jede ist einzigartig. Schulen lernen voneinander, indem sie auf die Unterschiede Acht geben. Gleichmacherei auf der Ebene von Zielen oder Verfahren funktioniert hier nicht. Es gibt z.B. Best-practice-Beispiele dafür, dass individuellere Lernmethoden an Schulen gut funktionieren können. Unter althergebrachten Bedingungen damit anzufangen ist aber nicht sehr sinnvoll. Wie genau es in der eigenen Einrichtung gehen könnte, muss jede Schule für sich herausfinden.Man muss den entscheidenden Grund, warum etwas woanders funktioniert, begriffen haben und dann nach ähnlich Erfolg versprechenden Maßnahmen für die eigene Situation suchen. Eine charismatische Schulleiterin wie beispielsweise Enja Riegel kann man nicht kopieren, aber Elemente ihrer Wiesbadener Schule gleichwohl in die eigene Situation übertragen. Auch Schultypen wie die Jenaplan-Schulen unterscheiden sich wesentlich voneinander, weil örtliche Bedingungen, Einzugsgebiet, Kollegium, bildungspolitische Rahmensetzungen je verschieden sind.
Wahrnehmen, nachdenken, aneignen
Was kann man also tun? Von anderen lernen beginnt mit dem Wahrnehmen. Im Blick auf verbesserten Schulunterricht empfiehlt sich ein Besuch im Unterricht der Kollegin, des Kollegen. Man kann sich aber auch besuchen lassen. „Critical friends“ können einen auf Stärken aufmerksam machen, die noch
ausgebaut werden könnten. Konkrete Schritte muss man dann selbst gehen, sich etwas Erkanntes „zu eigen“ machen. Lernen ist ja nur in seltenen Fällen das Resultat von Belehrung. Sie geschieht durch Aneignung. Dabei hilft das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen, mit Freunden und mit Gegnern. Man kann ja auch durch Widerspruch des anderen lernen! Chancen des Glaubenspluralismus
Um noch einen anderen Bereich anzusprechen: In einer religiös pluralen Gesellschaft lernt man die eigene Religionsausübung nicht nur durch Reflexion und Nachvollzug der eigenen Glaubensgrundlagen. Gerade durch die Begegnung mit denen, die eine andere Konfession oder Religion leben – oder gar keine! – wird man der eigenen Besonderheiten bewusst mit ihren Chancen, aber auch Grenzen. So erfahren wir durch eine solche Begegnung nicht nur Neues über andere, sondern auch über uns selbst. Die Versuche der beiden großen Kirchen, den Religionsunterricht in Form einer Konfessionellen Kooperation zu ermöglichen, in der zwei Lehrkräfte unterschiedlicher Konfessionen eine begrenzte Zeit aus je ihren Perspektiven unterrichten, sind Resultat solcher Einsichten.Von Jesus glauben lernen
Glauben zu lernen ist nicht möglich ohne von anderen zu lernen. Ja, ohne den ganz Anderen – ohne Gott und sein Handeln an uns – ist Glauben uns gänzlich verwehrt. Damit ist glauben lernen höchst intensives Lernen. Vom anderen, von Jesus glauben lernen heißt nachfolgen. Ohne wenn und aber im Vertrauen auf die Rechtfertigung Gottes und im Bemühen um unsere Heiligung. „Mein Joch ist sanft und meine Last sei leicht,“ sagt Jesus. Von ihm zu lernen ist schwer und leicht zugleich.![]() |
Dr. Christoph Th. Scheilke, Pfarrer, Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Honorarprofessor der Uni Münster/Westf. sowie Lehrbeauftragter der Uni Tübingen. |
