Bericht des Vorsitzenden bei der Mitgliederversammlung 2009
Bericht des Vorsitzenden Friedemann Stöffler bei der Mitgliederversammlung am 4.April 2009
Was seit der letzten Mitgliederversammlung war, das kann kurz und schnell aufgezählt werden:
Oasentag, Forum, viele Gespräche zwischen Synodalen und Leitungkreis, eine gute und sehr interessante Klausur von Leitungskreis und Synodalen, bei der wir uns gründlicher mit dem Thema "Ekklesiologie" von Kirche für morgen beschäftigt haben.
Ich freue mich über so viel Normalität bei einem noch so jungen Verein wie wir es sind: Die Finanzen werden trotz hoher Ausgaben bei der Wahl konsolidiert, der Zitronenfalter flattert in immer mehr Häuser, die Mitgliederzahl ist jetzt schon bei fast 150 angekommen. Kirche für morgen wird fast schon als "normaler" Gesprächskreis akzeptiert und anerkannt. Wir haben also viel Grund zur Dankbarkeit und zur Zufriedenheit.
Ich möchte dennoch oder vielleicht gerade deshalb ein paar Gedanken in Richtung Zukunft unserer Kirche thematisieren:
Was ist der Auftrag von Kirche für morgen? Wozu gibt es Kirche für morgen?
Ein paar Kernsätze aus unserer Anfangszeit:
1. Es geht uns um Inhalte und nicht um Macht. Wir werden uns dann wieder auflösen, wenn unsere Anliegen von anderen aufgegriffen und umgesetzt werden.
Dieser Satz bleibt eine Herausforderung, natürlich geht es uns, wenn es um Inhalte geht, auch darum wie die zur Umsetzung kommen und dabei ist auch die Frage der Macht wichtig, aber sie ist und darf nie Selbstzweck sein!
2. Wenn wir nur das sagen, was andere auch sagen, dann braucht es uns nicht.
Kirche für morgen muss sich immer wieder fragen, was ist in der jetzigen Situation das Wegweisende – das über die jetzige Situation hinaus weisende. Wir wollen immer einen Schritt weiter blicken, eine Frage mehr stellen, eine Vision haben, die eben gerade nicht mit dem Bestehenden zufrieden ist.
3. Kirche – das Beste kommt noch!
Ich will jetzt vor allem zu diesem letzten Satz ein paar Gedanken sagen.
Er drückt zweierlei aus:
> Wir haben Hoffnung für diese Kirche, wir blicken nach vorne. Wir wollen die hoffnungsvollen Ansätze sehen – gegen allen Trend des Jammerns und der in unserer Kirche oft kultivierten Depression.
> Es ist ein zutiefst theologischer Satz: Kirche: Kirche ist nie das Beste! Manchmal hat man den Eindruck, Kirche ist Selbstzweck! Nein, sie ist alles andere als Selbstzweck, es darf uns in der Kirche nicht um die Kirche gehen. Kirche ist in jeder Hinsicht etwas Vorläufiges und Bruchstückhaftes, aber Kirche lebt von ihrer Hoffnung. Kirche das ist die Gemeinschaft derer, die sich selber nicht genug sind, die sich der Vorläufigkeit ihrer Organisation bewusst sind, die eigentlich wissen müssten, dass die Kirche von zwei Seiten her gespeist wird:
Zunächst und zuerst vom Herrn der Kirche: der Dreieinige Gott; Kirche, das sind die "kyriakä" die zum Herrn Gehörigen. Kirche lebt aus dem Wort und der Gemeinschaft mit dem Herrn der Kirche.
Deshalb ist Kirche nur dann Kirche, wenn in ihr das Lob Gottes erklingt. Kirche ist lobende Kirche für den Herrn der Kirche, Kirche ist Anbetungsgemeinschaft …
Und dann das zweite: Kirche ist die Bauhütte - und nur die Bauhütte - für das Reich Gottes. Es muss der Kirche immer um das gehen, was das Ziel Jesu war: Und Jesus hat nie von der Kirche, aber immer vom Reich Gottes geredet! Der Zielpunkt für die Kirche muss immer das Reich Gottes sein.
Kirche das Beste kommt noch: Das heißt: Kirche muss Verweischarakter haben auf das Reich Gottes, nicht auf sich selbst.
Kirche muss deshalb einladende Kirche sein, weil das Reich Gottes für alle da ist und weil wir wollen, dass alle im Reich Gottes dabei sind.
Deshalb und nur deshalb setzen wir uns für lebensweltbezogene Gottesdienste ein, weil nur so die Kirche und damit Gott selbst zu den Menschen in der jeweiligen Lebenswelt kommt.
Deshalb engagieren wir uns für eine "Beteiligungskirche", weil es im Reich Gottes einmal keine Betreuer und Betreute, keine Geistlichen und "Laien" mehr geben wird. Wir wollen, dass alle sich mit ihren Gaben einbringen können.
Deshalb engagieren wir uns für mündige Gemeindeglieder und für nicht nur parochiale Gemeinden, weil wir wollen, dass jede und jeder sich da einbringen kann, wo er gebraucht und gefragt wird und ihm nicht von oben vorgeschrieben wird, wo er Gottesdienst zu feiern hat.
Wir müssen auch dazu sagen: Auch eine Jugendgemeinde ist eine vorläufige Gemeinde – letztlich geht es uns auch darum, dass vor und mit Gott alt und jung, fromm und liberal, reich und arm zusammen gehören und zusammen feiern.
Wie kommt unsere Kirche als eine der reichsten Kirchen der Welt dazu, sich nicht nur mit ihrem Selbsterhalt zu beschäftigen?
Wie kommt unsere Kirche dazu, so Kirche zu sein, dass sie auch eine Kirche der Armen ist? Dass sie auch und gerade von denen als wesentlich erlebt wird, die "krank" sind und des Arztes bedürfen?
Es gab Momente, in denen unsere Kirche geschafft hat, das rechte Wort zur rechten Zeit zu sagen:
Beispiele aus dem letzten Jahrhundert sind die Bekenntnissynode von Barmen und das Stuttgarter Schuldbekenntnis.
Wenn ich unsere Situation heute betrachte, so muss der Horizont des Reiches Gottes immer auch das beinhalten, was es von Jesus heißt:: "Jesus sah einen Menschen"
Schauen wir also mal genauer auf unsere Welt: Wir sehen, dass unser kapitalistisches System 20 Jahre nach dem dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, sein Versagen unter Beweis gestellt hat, selbst auch in eine so tiefe Krise geraten ist, dass wir uns fragen müssen: Können und wollen wir einfach alles tun, um dieses System, das eben auch so viele Opfer produziert hat, wieder zu stabilisieren?
Was ist unsere Antwort als Kirche zu diesen Fragen? Warum bietet die Kirche nicht den Raum, in dem sich Modelle, alternative Modelle für unsere Weltwirtschaftsordnung bilden können?
Wir sehen, dass die Erde unter unserem Verhalten stöhnt und ächzt. Wie sieht unser Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung aus? Wo sind wir Christen – wo ist hier die Kirche die Stadt auf dem Berge?
Wir sehen, wie Gewalt in unserer Welt - auch in Deutschland - immer mehr zunimmt. Welchen Beitrag zur Überwindung von Gewalt, in Familie, Schule und zwischen den Völkern liefern wir?
"Kirche für morgen" ist nur dann wichtig, wenn sie in unserer Kirche eine Stimme erhebt, die sonst nicht zur Sprache gebracht wird.
Was ist unsere Stimme- in der Finanzkrise? Haben wir ein Wort zu sagen, das nicht nur darauf aus ist und davon ausgeht, dass alles so weitergehen soll wie bisher, wenn die Krise vorbei ist? Was gibt es für eine Alternative zu einer Welt, die von Banken kontrolliert wird, und in der zwar Banken aber nicht die Kirche "systemrelevant" ist? Wir haben wieder einmal erlebt – und erleben es laufend: Gewinne werden privatisiert, und Verluste werden sozialisiert – zum Schaden insbesondere des "kleinen Mannes".
Helmut Gollwitzer, der jetzt 100 Jahre alt wäre, hat im dritten Reich gesagt: Was wäre gewesen, wenn alle Christen aufgestanden wären, und sich hinter jeden Juden der abtransportiert werden sollte, gestellt hätten und gesagt hätten: Wenn er geht, gehe ich auch?
Was sähe die Situation heute aus? Wenn die Kirchen - über alle Konfessionen hinweg - sich einig wären, dass sie sich selber verpflichten wollen, ihr Geld nur nach ethischen Gesichtspunkten anzulegen?
Ich sehe also - wenn ich an Kfm denke, folgende Herausforderung vor uns:
Schärfen wir unser inhaltliches Profil, indem wir einen Entwurf von Kirche wagen, der den bestehenden Strukturen in Kirche und Gesellschaft widerspricht, weil wir vom Horizont des kommenden Reiches Gottes her denken. Das ist mir das allerwichtigste Anliegen. Und dazu brauchen wir jedes Mitglied und jeden Sympathisanten. Diese Fragestellung sprengt auch die Struktur der Gesprächskreise. Lassen wir uns nicht einbuttern, um letztlich kirchlich wohl tempiert, kirchlich verrechenbar und kirchlich angepasst zu werden.
Als Folge davon tauchen Fragen auf:
Wie werden wir als "Kirche für morgen" wahrgenommen, die alle Berufsgruppen in der Landeskirche und vor allem auch die vertritt, die sich ehrenamtlich für unsere Kirche engagieren?
Wie schaffen wir es in die Fläche zu kommen? Und zwar nicht um des Machterhalts willen, sondern mit dem Ziel, dass unsere Themen zu Themen der Kirche werden.
Und schließlich: Wie finden wir die richtigen Kandidaten für die nächste Synode?
Zwei Dinge sind mir dabei besonders wichtig:
Das Ganze kann nur gelingen, wenn wir uns auf eines einlassen: Es darf uns nicht um "Kirche für morgen" gehen sondern darum, dass das Reich Gottes wächst und die Herrschaft Jesu Christi in unserer Welt ein Stück sichtbarer wird.
Es gibt im Reich Gottes keine passive Mitgliedschaft, sondern es geht darum, dass jeder von uns sich aktiv einbringt!
Ich möchte schließen mit einem Gedanken von Helmut Gollwitzer:
"Das wichtigste ist die Dankbarkeit gegenüber Gott" Gollwitzers Ziel war es, diesen Dank gegenüber Gott, wie er sagt, in einer unfrohen Kirche und einer unfrohen Gesellschaft zur Sprache zu bringen.
Es geht also nicht um verbissenen Aktivismus, sondern darum, aus Dankbarkeit heraus etwas mehr Fröhlichkeit und Freude in die Kirche und die Gesellschaft zu bringen!
Lasst uns arbeiten an der inhaltlichen Profilierung von Kirche für morgen, die sich nicht nur aber auch für Lebenswelt- und Jugendgemeinden einsetzt, die sich nicht nur aber auch für eine Reform des Pfarrerwahlrechts einsetzt, die sich nicht nur aber auch für die Integration all derer einsetzt, die unsere Kirche verändern wollen.
Lasst uns daran arbeiten, dass unsere Kirche zu einer Stadt auf dem Berge wird, die zumindest Fragen nach der Gerechtigkeit unseres Wirtschaftssystems stellt, die Fragen nach der Bewahrung der Schöpfung stellt, die Fragen nach dem Erhalt des Friedens und der Überwindung von Gewalt stellt und lasst uns all das nicht verbissen tun sondern feiernd, fröhlich gelassen, im Wissen darum:
Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt
Wir stehn an unseres Meisters Hand und unser Herr geht mit.
Nachbemerkung: Das ist das für den Bericht verwandte Manuskript. Es gilt in jedem Fall das gesprochene Wort.