Verantwortliche Geldpolitik - ein Interview mit OKR Kastrup
Für eine nachhaltig verantwortliche Geldpolitik
Oberkirchenrat Dr. Martin Kastrup spricht im Interview mit dem kfm-Synodalen Reiner Klotz über die Verwendung der Kirchensteuermittel, der landeskirchlichen Haushalts- und Finanzpolitik in Zeiten der Krise und, wovon er sich Wachstum für die Kirche verspricht.
Sehr geehrter Herr Kastrup, können Sie unseren Lesern erklären, wofür die Kirchensteuer hauptsächlich verwendet wird?
Von 100 Euro Kirchensteuer fließen 38 Euro unmittelbar an die Kirchengemeinden, 38 Euro an die Landeskirche im engeren Sinn und 24 Euro werden für gemeinsame Aufgaben verwandt. Die Kirchengemeinden finanzieren überwiegend ihr Personal (für Gemeindearbeit, Kindergärten, Diakoniestationen, etc.) sowie Gebäude, Umlagen und Sachaufwendungen aus diesen Mitteln. Die Mittel der Landeskirche im engeren Sinn fließen zu über 50 % in die Pfarrerschaft, also in Gottesdienst, Seelsorge, Beratung und ebenfalls Gemeindearbeit. Der Rest wird insbesondere für den Religionsunterricht und Bildung (Fachhochschule, Akademie, Schulen, Seminare, Erwachsenbildung), aber auch für Weltmission, Kirchenmusik und natürlich Verwaltung (Kirchliche Verwaltungsstellen und Oberkirchenrat einschließlich Gehaltsabrechnung, IT etc.) eingesetzt. Die gesamtkirchlichen Mittel gehen vor allem an die EKD, in den EKD-Finanzausgleich zur Unterstützung finanzschwacher Gliedkirchen und in den Kirchlichen Entwicklungsdienst.
Haben Sie Beispiele für kirchensteuerfinanzierte Dienste, von denen Kirchenmitglieder profitieren, oft ohne es zu ahnen?
Kirchenmitglieder profitieren nur selten "automatisch" von kirchensteuerfinanzierten Diensten. Kirchenmitglieder können aber zahlreiche kirchliche Leistungen in Anspruch nehmen, wenn sie dies möchten. Manche Angebote sind kostenlos, manche "nur" subventioniert durch die Kirche. Dies reicht von dem Besuch evangelischer Kindergärten und Schulen über die Nutzung von Angeboten des evangelischen Jugendwerks, der Diakoniestationen oder der Erwachsenenarbeit bis hin zum kostenlosen Service des Kirchensteuertelefons. Und natürlich beinhaltet die bedingungslose Aufnahme in der Kirchengemeinde ein weit gefächertes und flächendeckendes Angebot für Menschen, die diesen Kontakt suchen.
Hat die evangelische Landeskirche Rücklagen angespart?
Ja, die evangelische Kirche hat glücklicherweise Rücklagen angespart. Fast alle dienen einer nachhaltig verantwortungsvollen Kirchenpolitik. Von besonderer Bedeutung sind unsere Versorgungsrücklagen, die wir zu großen Teilen in eine Versorgungsstiftung eingebracht haben. Mit ihnen wollen wir die für die gegenwärtig aktiven Angestellten und Kirchenbeamten auflaufenden Versorgungslasten abdecken, um zukünftige Generationen nicht mit heute anfallenden Verpflichtungen zu belasten. Daneben haben wir für die Erhaltung unserer bestehenden Immobilien Substanzerhaltungsrücklagen, um unsere Sanierungsmaßnahmen daraus finanzieren zu können. Ganz wichtig sind schließlich die Ausgleichsrücklagen für Landeskirche und Kirchengemeinden. Die Landeskirche ist mit Ihren Kirchensteuereinnahmen sehr konjunkturabhängig - ein schwieriger Umstand bei dem hohen Fixkostenanteil, den wir haben. Die Ausgleichsrücklage gibt uns Reaktionszeit in konjunkturellen Schwächephasen. Durch sie können wir kleinere Konjunkturdellen überbrücken und in größeren Rezessionen geordnet und überlegt zurückfahren. Natürlich muss die Ausgleichsrücklage in guten Zeiten zuvor auch konsequent aufgefüllt worden sein.
Hat die Kirche in der jetzigen Finanzkrise auch Geld verloren?
Nein, bisher zum Glück nicht. Anders als die meisten anderen Anleger konnten wir aufgrund einer sehr konservativen Geldanlagepolitik ab Ende 2007 das vergangene Jahr sogar mit einem erfreulichen Plus abschließen. Und dies, obwohl die Landeskirche nach dem strengen Niederstwertprinzip bilanziert. Allerdings sollte sich niemand in Sicherheit wiegen. Die Finanzkrise ist noch nicht ausgestanden und die Rahmenbedingungen ändern sich fast wöchentlich.
Für was würden Sie innerhalb der Landeskirche Geld ausgeben, wenn Ihnen fünf Millionen Euro zur Verfügung stünden, über die nur Sie verfügen können?
Wenngleich wir gerne eine wachsende Kirche sein möchten, sind wir, was unsere Mitgliederzahlen angeht, doch eine kontinuierlich schrumpfende Kirche. Sicherlich gibt es kein Patentrezept, wie wir wieder mehr Menschen für unsere Kirche begeistern können. Aber es gibt viele gute und sinnvolle Möglichkeiten, die wir als Landeskirche an vielen Stellen auch nutzen.
Mir persönlich erscheint die Vertretung christlicher Werte mit hoher Authentizität und Weisheit als noch nicht ausreichend genutzte Chance, um auch solche Menschen für Kirche zu gewinnen, die sich bereits deutlich von ihr entfernt haben, aber zur großen Zahl der Suchenden in unserer Gesellschaft gehören. Bei der Positionierung zu wichtigen gesellschaftlichen Themen könnte unsere Stimme noch klarer, reaktionsschneller und einstimmiger sein. In den Schulen sehe ich Chancen, über Jugendbegleiter und Schulseelsorgeprogramme niederschwellig Werte zu vermitteln und Interesse für und Solidarität mit Kirche zu wecken. Und dies nicht nur bei den Kindern, sondern gerade auch bei den aktuell aufgeschreckten Eltern! Gute konzeptionelle Vorarbeiten, professionelle Ablauforganisation und die Schulung und Aktivierung von Ehrenamtlichen verursachen natürlich einigen Aufwand. Ob ich mir dafür selbst fünf Millionen Euro genehmigen würde? Vermutlich nicht. Die Rolle des Finanzdezernenten muss sehr stark von inhaltlicher Neutralität geprägt sein. Nur so ist es möglich, sich deutlich in Sachen finanzieller Nachhaltigkeit zu positionieren und formal unzureichende Anliegen abzuwehren, ohne sich selbst angreifbar zu machen.
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Oberkirchenrat Dr. Martin Kastrup, verheiratet, drei Kinder, ist seit Oktober 2004 der Finanzdezernent unserer Landeskirche. |
