Liturgie und Predigen kann man lernen

Liturgie und Predigen kann man lernen

Karlfriedrich Schaller, bisher Pfarrer der Jakobusgemeinde Tübingen, ist seit 1. März im Ruhestand. In den Jahren seines Wirkens hat sich dort eine rege Gottesdienst- und Gemeindekultur entwickelt. Friedemann Stöffler sprach mit ihm darüber, wie er in Zukunft Kirche mitgestalten will.

Wie geht es dir mit deinem Abschied?
Nach fast 18 Jahren in der Jakobusgemeinde habe ich viel Grund, dankbar zu sein. Die beglückendste Erfahrung für mich waren die Gottesdienste und die Gemeinschaft, die ich hier erleben durfte. Nun freue ich mich sehr auf eine gremienfreie Zeit und auf die Wiederbelebung mancher Gaben, die länger brach lagen. Im Rückblick entdecke ich bei mir eine bleibende Fremdheit gegenüber unserer Landeskirche. Mir geht’s ein bisschen so, wie es in Schuberts Winterreise über den Wanderer heißt: „Fremd bin ich eingezogen – fremd zieh ich wieder aus.” Mein Eindruck ist, dass sich Kirche zu oft mit sich selbst beschäftigt, ohne sich geistlich erneuern zu lassen.

Du hast nicht vor, dich zurückzuziehen, sondern auch in Zukunft Kirchengemeinden zu unterstützen. Was möchtest du anderen Gemeinden anbieten?
Ich habe immer ein Anliegen gehabt: Gemeindewachstum vom Kern her zu gestalten, durch das Wort Gottes, durch die Predigt. Meine Erfahrungen damit will ich gerne weitergeben. Dabei möchte ich zeigen, dass Wesentlichkeit und Großzügigkeit zusammenhängen können. Beides ist mir wichtig: Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und dabei nicht eng zu werden, sondern großzügig und weit. Großzügig sein heißt, Gastfreundschaft zu leben in unseren Gemeinden. Spezielle Sprachmuster zu vermeiden, um nicht klerikal zu werden. Die Weite unserer Sprache dürfen wir uns, finde ich, von niemandem nehmen lassen. Wie „das Wort Fleisch geworden ist”, so sollen auch unsere Wörter wieder Fleisch bekommen.

Vieles, was sich in Tübingen ereignet hat, ist nicht übertragbar auf andere Gemeinden. Und jeder Pfarrer, jede Pfarrerin hat andere Stärken und Schwächen.
Übertragbar jedenfalls sind die Schritte von der Betreuungs- zur Beteiligungsgemeinde, die wir gegangen sind. Und da sind mir zwei Bereiche wichtig:
  1. Gottesdienste sollen ein Gesicht bekommen. Ich möchte anstoßen, dass auch in anderen Gemeinden Haupt- und Ehrenamtliche zu Liturgen ausgebildet werden, die wissen, wie man einen Gottesdienst gestaltet, in formaler, sprachlicher und kreativer Hinsicht, ob im Sonntagmorgen- oder im „Zweit”-Gottesdienst. Liturgie und Predigen kann man lernen, das ist meine feste Überzeugung.
  2. Ich möchte mithelfen, dass Gemeinden zielgerichtet Gemeindeaufbau betreiben, ein Profil entwickeln und sich Leitlinien geben.
Ich selbst könnte Schulungen anbieten, damit der Gottesdienst Sache der ganzen Gemeinde wird. Ich will keine direkte Krisenberatung leisten, aber wenn Leute ihre Gemeinde als schlafend erleben, dann bin ich bereit, mit ihnen zu fragen: Wie können wir uns aufwecken lassen? Wie baut man mit Hilfe des Gottesdienstes Gemeinde? Wie schaffen wir es, dass Gottesdienstelemente auch in den Gruppentreffen vorkommen und umgekehrt, dass die Gruppengemeinschaft durch die größere Gemeinschaft im Gottesdienst ergänzt wird?

Karlfriedrich Schaller, Tübingen, Tel. 07071-400611, E-Mail: kf.schaller@web.de, freut sich über Anfragen nach Seminaren oder Schulungen