Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
Gott oder Geld? Man reibt sich in den letzten Wochen oft verwundert die Augen: Da reden alle davon, wie viel Vertrauen verloren ging, wie wichtig es sei, dass alle wieder Glauben und die Hoffnung gewinnen …
Nein, geredet wird nicht von einer neuen Form der Spiritualität, nicht von weltweiten geistlichen Aufbrüchen. Man spricht von dem Glauben an den Wert einer Aktie, von dem Vertrauen, das man dringend braucht, damit wieder Kredite vergeben werden.
Auf einmal werden alle, die am Geldgeschäft teilnehmen, zu einer großen Glaubensgemeinschaft. Der Glaube an die Macht des Geldes und der Börsenkurse verbindet uns weltweit von China über Russland bis Brasilien, die USA, Europa und Afrika.
Gott oder Geld? Was bestimmt uns mehr, worauf vertrauen wir mehr? Was hilft uns, positiv in die Zukunft sehen zu können? Ist es der Glaube daran, dass die Börsenkurse schon wieder hoch gehen werden – oder ist es unser Glaube an Gott und Jesus Christus?
Vielleicht ist das alles auch zu einfach gefragt. Vielleicht geht auch beides zugleich. Wenn wir auf Jesus schauen, so gibt es genügend Beispiele, dass er Geld – auch die Steuer für den römischen Unterdrückungsstaat – nicht grundsätzlich abgelehnt hat. Aber eines wurde er nicht müde: zu warnen vor der Gefahr der Bindung an das Geld.
Wem opfern wir Zeit und Einsatz? Dem Geld oder Gott?
Was bestimmt letztlich unser Handeln? Gott oder das Geld?
Von wem sind wir letztlich abhängig – auch in unserer Kirche?
Dieser Zitronenfalter will uns hier in ganz unterschiedlicher Weise zum persönlichen Nachdenken bringen. Er will in unserer Kirche einen Diskussionsprozess anstoßen, so dass wir nicht mehr sagen: „Geld hat man, darüber redet man nicht”. Wir müssen mehr über das Geld reden, das wir haben, und über Geld, das wir gerne haben würden. Nicht zuletzt aber ist auch über das Geld zu reden, das anderen, Ärmeren, fehlt, mit dem Ziel, dass es in Welt und Kirche gerechter zugeht und deutlich wird: Die Kirche steht auf der Seite der Armen!

Friedemann Stöffler