Fundraising - Interview mit Helmut Liebs

 Fundraising erwächst aus dem Glauben

Helmut Liebs, erster Fundraising-Pfarrer unserer Landeskirche, benennt theologisch-biblische Grundlagen des kirchlichen Spendenmanagements und erzählt im Interview mit Marc Stippich begeistert von Neuorientierungen und Erfolgsmodellen in der Finanzmittelbeschaffung.

Herr Liebs, Fundraising erscheint in letzter Zeit häufig als Zauberformel für Geldvermehrung. Was hat es damit auf sich?
Es wäre schön, wenn es eine Zauberformel gäbe. Denn die Frage der Geldvermehrung begleitet die Kirche von Anfang an, und sie hat stets neue Antworten darauf gefunden. Mit „Geldvermehrung“ spielen Sie auf das Gleichnis von den anvertrauten Talenten an. Meines Erachtens verdeutlicht es, dass der Mensch der anbrechenden Herrschaft Gottes in der Weise entsprechen soll, dass er seine ihm anvertrauten Gaben aktiv vermehrt. Das ist ein Tun in der Zwischenzeit, das ist das irdisch Vorläufige angesichts des himmlisch Endgültigen. In jüngerer Zeit haben mehrere Kirchengemeinden das Gleichnis „getestet“ – mit stets erstaunlichem Erfolg. Paulus hat zugunsten der verarmten Jerusalemer Urgemeinde das bis heute erfolgreichste Fundraisinginstrument eingesetzt: die mündliche und briefliche Direktkommunikation. Man lese einmal nach in Gal. 2,10; 1. Kor. 16,1-4; Röm. 15,25ff; Apg. 24,17 und vor allem in 2. Kor. 8 und 9.

Ist in der Diskussion um Fundraising nicht eine Menge heißer Luft?
Im Anschluss daran, dass Paulus seine Geldsammlung klar von Christus her begründet, wollen wir als Kirche nur Fundraising machen, das theologisch nachvollziehbar ist – und eben nicht heiße Luft. Damit wir in unserem Tun Gott dienen und nicht dem Mammon, ist für mich kirchliches Fundraising zuerst und zuletzt ein Bitten um und Empfangen dessen, was Gott – der erste Geber und letzte Empfänger all unseres Seins und Habens – geschenkt hat, bei allem Respekt vor dem eigenständig Erwirtschafteten. Ich habe in meiner seitherigen Arbeit – jährlich besuche ich etwa hundert Kirchengemeinden – keine Gemeinde erlebt, die sich nicht mit mir einig war, dass Fundraising eine dem Glauben folgende Tätigkeit ist. Es ist kein Zufall, dass das Motto der Stiftung der Evangelischen Landeskirche lautet: „Aus Glaube. Aus Liebe. Aus Überzeugung.“

Seit April 2006 sind Sie Fundraisingpfarrer unserer Landeskirche. Was kann eine Gemeinde durch organisiertes Fundraising bewegen?
Kühn gesagt: alles. Jedenfalls sofern sich Menschen mit einer Überzeugung und einem Anliegen nicht scheuen, nach Mitstreitern zu suchen, um ihr Vorhaben gemeinsam zu verwirklichen: Ausbau eines Kindergartens, Erhalt einer Diakonenstelle, Erweiterung der Orgel, Neubau eines Gemeindehauses oder Partnerschaft mit einer Kirche in Übersee. Im angelsächsischen Raum heißen Stellen, wie ich sie innehabe, vielfach „Development Office“. Weil man erkannt hat, dass sich eine Organisation im Zuge des Fundraising automatisch weiterentwickelt: hinsichtlich ihres Selbstverständnisses, ihrer Visionen, ihrer Ziele, ihrer Projekte, ihrer Maßnahmen und ihrer Mitglieder bzw. Förderer.

Welche Formen des Fundraising gibt es, wie setzt man sie sinnvoll ein?
Fundraising ist vordergründig Mittelbeschaffung (to raise – sammeln, einwerben, beschaffen; funds – Mittel). Eigentlich aber geht es um dauerhafte und vielfältige Beziehungen. Beziehungen zu Menschen, die Geld geben können, die Zeit, Kenntnisse, Kontakte oder Begabungen schenken oder die Material bzw. Dienstleistungen spenden. Will man eine Orgel bauen, empfiehlt es sich, Orgelpfeifenpatenschaften anzubieten. Über diese können sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Beträgen quasi „Teil der Orgel“ werden. Eine Tombola für neues Spielgerät im Kindergarten liegt nahe, wenn am Ort viele Einzelhändler sind, die die Gewinne stiften. Mit einem Unternehmen eine Sponsoringpartnerschaft zu vereinbaren, könnte bei einem diakonischen Projekt sinnvoll sein, weil sich das Unternehmen davon einen Imagetransfer verspricht.

Gibt es messbare Erfolge bei einem professionell aufgezogenen Fundraising?
Wir können innerhalb der Landeskirche zwei Erfolge in der Fläche messbar belegen. Der 2007 in nahezu allen Gemeinden eingesetzte „Freiwillige Gemeindebeitrag“ erzielte hervorragende Ergebnisse. 15,6 Prozent der Angeschriebenen spendeten – und zwar durchschnittlich 46 Euro. Im Schnitt hat jede Gemeinde ihren Ertrag gegenüber der bisherigen Ortskirchensteuer um 68 Prozent gesteigert. Eine enorme Entwicklung nimmt auch das Stiftungswesen. Zehn neue Stiftungen im Jahr 2008 – so viele wie 2001 bis 2007 zusammen – haben binnen eines Jahres zwei Millionen Euro gesammelt. Zu diesen beiden Fundraisingerfolgen kommen viele sehr gute Spendensammlungen in Dutzenden Kirchengemeinden. Es macht wirklich große Freude, das zu beobachten.

Welche Möglichkeiten ergeben sich durch Fördervereine, welche durch Stiftungsgründungen?
Zu einem Förderverein oder einer Stiftung rate ich, wenn ein langfristiges Vorhaben gesichert werden soll. Wobei ein Förderverein in der Regel recht viele Menschen gewinnt, die vergleichsweise geringe Mittel geben, dafür aber ziemlich stark engagiert sind. Wer hingegen eine Stiftung errichtet – wo das Kapital ja nicht aufgezehrt werden darf, sondern allein die Zinsen verwendbar sind – zielt eindeutig auf vermögende Menschen, und die sind möglicherweise nicht so zahlreich. Dafür aber sind Stiftungen ein geeignetes Mittel um darauf hinzuweisen, dass man die Gemeinde auch testamentarisch bedenken kann.

Veröffentlichungen und Weblinks

Pfarrer Helmut Liebs, seit 2006 Fundraiser unserer Landeskirche, bekommt dankbare und glückliche Reaktionen von Menschen, weil sie sich finanziell für eine sinnvolle Sache engagieren können.