Kirche - das sind wir!
Kirche – das sind wir!
Die Schönheit einer Gemeinde wird sichtbar, wenn sich Gemeindeglieder an den Grundaufgaben des Christseins beteiligen. Wie ansteckend dies auf „religiös Unmusikalische“ und Kerngemeinde gleichermaßen wirkt, skizziert Tobias Ehret, bis vor kurzem Pfarrer in Hößlinswart und Steinach bei Winnenden.
„Eine Mutter hat vier Söhne, die auf eine größere Bergtour wollen. Die Mutter weiß, dass sie leicht Streit bekommen, und einer könnte unterwegs verloren gehen. Darum packt sie dem ersten eine Thermosflasche in den Rucksack, dem zweiten Wurst und Käse, dem dritten gibt sie das Brot, dem vierten Äpfel und Apfelsinen. Damit erreicht sie, dass sie beieinander bleiben. Jeder ist auf den anderen angewiesen. Eine Rast mit Tee allein bringt nicht viel. Und der, der die Wurst im Rucksack hat, wird sich wohl auch zu dem gesellen, der das Brot auspackt“ (Helmut Sigloch).Die innere Dynamik der Kirche
Das ganze Leben der Gemeinde soll einer solchen Rast gleichen. Hier soll der Austausch der Gaben stattfinden – sonst kommt es zu einer einseitigen Ernährung mit der Folge von Mangelkrankheiten. Findet dieser fröhliche Handel und Austausch statt, kommen alle Gaben ins Spiel, werden die Gemeinde und ihre Glieder erwachsen und kräftig. Eine Gemeinde, in der jeder nur von den Gaben zu leben versucht, die er selbst bekommen hat, verkümmert, bleibt unmündig, stirbt.Vielfalt der Dienste
Das ist die Wirklichkeit von Epheser 4, 11-12, in die wir in Hößlinswart und Steinach hineingerissen wurden. Alles beginnt mit der Sehnsucht nach diesem Schöpfungsgeheimnis: „Gott gab der Gemeinde ganz verschiedene Dienste. Jeder, der ein solches Amt versieht, soll eines tun: Er soll die Gemeindeglieder dafür ausrüsten, dass sie die Aufgabe des Gemeindebaus übernehmen können.“ Nicht das Gemeindeglied hilft dem Pfarrer bei seinem „Job“ oder unterstützt ihn dadurch, dass es ihm Aufgaben abnimmt. Es ist gerade umgekehrt: Der Pfarrer ist ausschließlich dazu da, die Gemeindeglieder zu befähigen, alle Dienste, die in der Gemeinde anstehen, selber zu übernehmen. Das verstehen wir unter Beteiligungskirche. „Was in einer Gemeinde nicht durch Gemeindeglieder geschieht, das geschieht in Wirklichkeit nicht“ (Wolfgang Bittner). Seit Mai 2000 haben wir gemeinsam diesen Ansatz verfolgt. Dabei sind neue Teams entstanden. Freilich habe ich trotz besseren Wissens durch meine Pfarrer-Rolle, die ich all zu oft noch in der volkskirchlichen Erwartungshaltung auslebe, auch manches verhindert oder gebremst. Die so genannte Delegationsspirale ist der Teufelskreis, in den der Pfarrer gerät, wenn er stellvertretend alle Aufgaben annimmt, die an ihn „qua Amt“ delegiert werden. Der Teufelskreis wird nur dadurch zerschlagen, dass der Pfarrer eher „Helfer“ statt „Stellvertreter“ ist.Die Zeit zur Beteiligungskirche war reif…
„Wie können Sie von uns verlangen, dass wir uns durch dreißig Gottesdienste durchquälen?“, meinte eine Mutter beim Elternabend. „Ja, wenn er durch mehr Beteiligte lebendiger werden würde ...“. So ging es vielen, die anlässlich des Konfi-Jahres Christsein als ansteckend bei uns erleben sollten. In unseren Mitarbeitern steckte ein Verlangen, sich einzubringen: Geistreich. Kreativ. Anstößig. Warum? Sie träumten den Traum einer Beteiligungskirche. Und sie wollten sich diesen Traum von Kirche nicht von Traumdieben zerstören lassen. Kein Zweitgottesdienst war angesagt, sondern ein Gottesdienst, in dem Gott in bunter Vielfalt gefeiert werden konnte, aber zu dem eben auch „religiös Unmusikalische“ (Michael Herbst) problemlos eingeladen werden können.…und zur Vielfalt der Ämter
Ein Gottesdienst mit humorvoller Moderation, verständlicher Sprache, Themenpredigten und Lobpreis, und vor allem mit vielen Möglichkeiten der Beteiligung. Der Pfarrer dient – übrigens ohne Talar – wie jeder einzelne Mitarbeiter mit seinen Kernkompetenzen in seiner persönlichen Berufung. Susanne Ruch, Mitarbeiterin in Hößlinswart und Steinach meint dazu: „Ich könnte mir nie vorstellen in einer Gemeinde zu sein, in der der Pfarrer als Alleinunterhalter tätig ist! Für mich lebt Gemeinde durch das Zusammenspiel verschiedener Menschen mit unterschiedlichen Gaben und Charakteren! Nur so bleibt diese spannend und lebendig! Auch erscheine ich dort nicht bloß zum Gottesdienst. Denn ich kann mich nur mit etwas identifizieren, das ich auch mitgestalte. Erst dann fühle ich mich als Teil davon.“
Mut zum missionarischen Plural
Es soll der Hinweis genügen, dass durch das Konzept der Beteiligung vieler ein Veränderungsprozess in zwei weiteren Bereichen angestoßen wurde.Die Kinderkirch-Arbeit wird seit 2004 von Ehrenamtlichen verantwortet. Eine Leiterin wurde berufen. Ihre Aufgabe ist es, die Mitarbeiter zuzurüsten und die Vorbereitungstreffen zu leiten. Der Pfarrer berät theologisch, schult und führt. Die Mitarbeiter werden jährlich für ihren Dienst beauftragt und gesegnet.1
Dasselbe Prinzip gilt für die Alpha-Kurse, die wir zweimal im Jahr durchführen. Sämtliche Aufgaben werden an Gemeindeglieder zurück delegiert: Auch die basics kommen von Nichttheologen. Dann wird es Beteiligungskirche pur. Der Pfarrer hat nach der Aufbauphase das Alpha-Schiff verlassen und berät den Kursleiter, der nach jedem Kurs wechselt. Eine Besucherin von Alpha 2 war so begeistert von dem am Abend integrierten Essen, dass sie bei Kurs 3 im Team kochte und in Kurs 4 in einer Kleingruppe mitarbeitete. Sie suchte und fand ihre Berufung in der Kinderstunde und ist zur Zeit in einem Gemeinde-„Dreamteam“ mit dabei.
Beteiligung feiern
In Hößlinswart und Steinach werden unterdessen Gottesdienste gefeiert – mit sehr viel Beteiligung bei allen Elementen der Liturgie. Der Pfarrer „hält“ den Gottesdienst nicht mehr, sondern er feiert ihn zusammen mit der Gemeinde.Wir nehmen fröhlich wahr: Gottesdienst, Gemeinschaft, Dienst und Zeugnis sind die Grundaufgaben des Christseins schlechthin. Gott, der lebt, bringt ins Spiel und teilt dabei aus – Gnade um Gnade.
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Tobias Ehret, seit 1. Juni Gemeindepfarrer in Gäufelden-Nebringen, hat in den beiden Dorfgemeinden Hößlinswart und Steinach (Dekanat Schorndorf) das Thema Beteiligungskirche zum Hauptthema gemacht. Mehr unter www.hoesslinswartsteinach.de |