Von der heiligen Aura zur segnenden Gemeinde

Von der heiligen Aura zur segnenden Gemeinde

Reichenbach geht neue Wege bei der Konfirmanden(ein)segnung

„Wir haben die Kirche, die wir verdienen”, meinte mein Kollege. Wenn wir die Gemeindeglieder immer nur zu Zuschauern degradieren, müssen wir uns nicht über geistliche Unmündigkeit wundern.

Die Gemeinde bleibt unsichtbar

Einer der heiligsten Momente – bei der wir Pfarrer gleichsam exemplarisch zu Hohenpriestern und die Gemeinde zu staunenden Statisten mutieren – ist die alljährliche Zeremonie der Einsegnung der Konfirmanden: Nach Moderation des Katechismusvortrags und Predigt ist sie für uns Pfarrer das finale „Zeremonial der Kniebank”. Auf ihr knien kauernd die Jugendlichen und lassen die Segensweihe der Institution über sich ergehen. Hütchenspielergleich wechselt der Geistliche die Hände über den mit Gel gestylten oder hoch toupierten Konfirmandenfrisuren („Hat jetzt ganz links schon genug Segenssekunden gehabt oder muss ich da nochmal?”) Hunderte Augen sehen eine „One man show” wie sie im Buche – pardon – in der Agende steht, erschöpfende spirituelle Fließbandarbeit. Die Gemeinde, in die hinein eigentlich die Konfirmation als Taufbefestigung leiten soll, bleibt eine virtuelle Größe.

Selbstbestimmung und Beteiligung

Neue Wege gingen wir in diesem Jahr in Reichenbach. Abgestimmt mit dem KGR erfolgte ein individueller Segenszuspruch durch Bezugspersonen aus der Gemeinde: Jugend- oder Konfimitarbeiter, langjährige Jungscharleiter, Jugendhauskreisleiter: Die Konfirmanden wählen sich „ihre Segner” im Vorfeld selbst aus. In zwei Reihen vor dem Altar erfolgt die Umsetzung. Einfache Kniekissen liegen auf der Stufe. Die meisten Konfirmanden entscheiden sich jedoch für eine stehende Segnung auf Augenhöhe. Individuell und persönlich wenden sich die Gemeindeglieder „ihren” Konfirmanden zu. Die „heilige Aura” des hohenpriesterlich ausgerichteten bürgerlichen Schwellenrituals ist gebrochen. Stattdessen tritt die christliche Gemeinde vor der überwiegend kirchendistanzierten Festversammlung als mündige und segnende „Gemeinschaft der Heiligen” in Aktion.
„Der Mattse soll mich auch noch segnen” meint Kevin (14, Namen geändert) kurz entschlossen noch am Konfirmationsmorgen. Und Kevin hat es wahrhaft nötig, dass sechs Mitarbeiter – der Pfarrer ist natürlich auch noch dabei – ihm für den weiteren Lebensweg persönlichen Zuspruch geben. Mattse (15) spricht – selbst kaum älter als die Konfirmanden – erstmals mit anderen ein selbst formuliertes Segensgebet. Wo könnte er es besser lernen als hier in der Praxis, in Gemeinschaft mit älteren Mitarbeitern? Die Gemeindebindung dürfte sich so bei Kevin (und Mattse) stärker entwickeln als beim üblichen Ritual durch den bezahlten Sacro-Funktionär.

Paten endlich beim Wort nehmen

Beim zweiten Durchgang nach 14 Tagen wurden auch die Eltern und Paten eingeladen, ihren Kindern am Altar geistliche Worte mit auf den Weg zu geben. Und sie kamen, sahen und segneten. Eigentlich die natürlichste Sache der Welt. Wie hieß das damals noch vor 13 Jahren am Taufstein: „Wollt ihr das Eure dazu beitragen, dass euer Kind als Glied der Gemeinde Jesu erzogen wird, so antwortet: Ja, und Gott helfe uns!”
Jede Kirche hat die Gemeindeglieder, die sie verdient. Ich als Lutheraner wünsche mir selbständig denkende, glaubende und handelnde Gemeindeglieder. „Gott helfe uns!”
Stefan Taut (42) Pfarrer und Gemeindetrainer in Reichenbach, versucht, seine Gemeinde Stück für Stück von einer pfarrerzentrierten Versorge-mich-Haltung zu mündigem Christsein zu bewegen, bevor seine Stelle abgebaut wird.