Multiplikatoren statt Endverbraucher

Multiplikatoren statt Endverbraucher

Wie können Gemeindeglieder beteiligt und befähigt werden? Welche Gemeindestrukturen entsprechen einem „allgemeinen Priestertum”? Anstöße aus einem (gekürzten) Vortrag von Dr. Klaus Douglass.

Jesus wollte nicht, dass wir zu Endverbrauchern des Evangeliums werden. Er wollte vielmehr Multiplikatoren des Heils: Menschen in unseren Gemeinden sollen anderen Menschen das Evangelium weitergeben – und zwar in Wort und Tat. Jesus hat gesagt: Macht zu Jüngern. Jünger sind Multiplikatoren des Heils. Sie sagen nicht: „Ich bin gerettet, ab in den Himmel!“ Sondern sie wollen Himmel verbreiten in dieser Welt. Das ist das, was Martin Luther das „allgemeine Priestertum der Gläubigen“ genannt hat.
Gott hat uns Gaben gegeben, und diese Gaben sind gleichzeitig auch unsere Aufgaben. „Gottes Gaben sind seine Berufungen“ (Gustav Heinemann). Diese einzusetzen, damit die Menschen Gottes Liebe in Wort und Tat kennen lernen, das ist das allgemeine Priestertum der Gläubigen.
Wir sind das nicht gewohnt. Wir haben ja unsere beamteten und besoldeten Leute. Sehr oft werde ich gefragt: Ist das denn nicht die Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer, den Leuten das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen? Wurden dazu nicht die Geistlichen ordiniert und ausgebildet? Aber da ist Luther meiner Meinung nach sehr klar. Er hat gesagt, die Unterscheidung zwischen so genannten Geistlichen und so genannten Laien ist nicht biblisch.
Ein mir bekannter Pfarrer aus den USA hatte in seiner Kirche zwei Türen. Über die eine schrieb er: „Nur für Geistliche“. Und bei der anderen durfte „der Rest der Welt“ hinein. Dort gab es ein riesiges Gedränge. Bei „Nur für Geistliche“ kam kein Mensch. Dann hat er über das allgemeine Priestertum der Gläubigen geredet und gesagt: „Ihr seid alle Geistliche! Ihr seid berufen, Priester zu sein.“

Die primäre Aufgabe von Pfarrern

Wir erwarten, dass nur ein kleiner Teil der Menschen das verkörpert. Die können wir dann kritisieren. Wir bezahlen die Leute dafür, dass wir sie auch wieder kritisieren dürfen. Aber eigentlich ist das ganz anders gedacht – nämlich dass die in der Gemeinde vorhandenen Gaben zum Einsatz kommen.
Der Clou ist auch hier, dass das allgemeine Priestertum zwar ein Werk des Heiligen Geistes ist, aber dass es nicht vom Himmel fällt. Deshalb die Frage: Wie kommen wir dazu, dass die ganze Gemeinde ihre Gaben einbringt?
Meine These – und damit geht es wirklich ans Eingemachte: Es ist die Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer, dieses allgemeine Priestertum ins Leben zu rufen. Es ist nicht nur eine Aufgabe, es ist ihre primäre Aufgabe.
Natürlich weiß ich, dass es heute in der Praxis anders aussieht, dass die Leute es auch anders erwarten. Wenn ich als Pfarrer anfange, von allgemeinem Priestertum zu reden, kann mich die Gemeinde erst mal für faul halten. Vor allem sind wir auf eine solche Rolle auch nicht vorbereitet worden, weder im Studium noch im Vikariat. Zugespitzt: Wir sind auf die eigentliche Aufgabe nicht vorbereitet, nämlich das allgemeine Priestertum der Gläubigen ins Leben zu rufen. Noch krasser: Teilweise widerspricht diese Neudefinition des Pfarramts sogar geltendem Kirchenrecht. Als ich das neulich mal Pfarrern darlegte, hieß es: Das ist ja alles schön und beeindruckend, was Sie da alles machen, aber Sie werden für etwas anderes bezahlt.
Ich bin davon überzeugt, dass diese Neudefinition des Pfarramts der Schlüssel für jede gesunde und zukunftsfähige Gemeindeentwicklung ist. Anders herum: Pfarrerinnen und Pfarrer, die das tun, was ihre Gemeinden von ihnen erwarten, die das tun, was ihre Kirchenleitung von ihnen fordert und die das tun, was ihr schlechtes Gewissen von ihnen erwartet, verhindern den Gemeindeaufbau.

Gegen die Erwartungshaltung

Was die Leute erwarten ist, dass der Pfarrer noch mehr Gas gibt und noch mehr rödelt und noch mehr macht und noch kreativer wird. Und draußen laufen die ganzen Leute herum, die eigentlich die Gaben hätten, eine wunderschöne Kirche aufzubauen.
Was wir dann tun, ist auf der einen Seite übermenschlich vom Arbeitsaufwand her – und auf der anderen Seite dürftig vom Ergebnis her. Es könnte besser aussehen, wenn alle ihre Berufungen wahrnehmen würden und begleitet würden in ihrer Mitarbeit, wenn Gemeindeglieder sich wirklich mit ihrem Knowhow, mit ihren gottgeschenkten Gaben an die Arbeit machen, die Kirche aufzubauen. Wo das allgemeine Priestertum der Gläubigen fehlt, regiert zwangsweise ein Universal-Dilettantismus der Pfarrer. „Die müssen ja alles irgendwie machen, in allem irgendwie gut sein.“ Aber wenn die Leute, die die Gaben für bestimmte Bereiche haben, sich einsetzen würden, würde vieles ganz anders aussehen.
Das ist die Paradoxie, und das geht bis ins eigene Gewissen des Pfarrers hinein: zu sich selber zu sagen: „In dem Moment, wo ich Gemeindeaufbau selber betreibe, verhindere ich Gemeindeaufbau. Denn meine Aufgabe ist es, die Gemeinde zu berufen und zu begleiten und zu fördern.“
Wir bieten bei uns drei bis vier Mal im Jahr ein Seminar an unter dem Titel „Entdecke dein Potenzial“. In kleinen Gruppen von 10 bis 15 Leuten versuchen wir, die Gaben der Teilnehmenden herauszufinden, sie zu berufen und zu begleiten.

Ein System, das krank macht

Der Schritt von der Pfarrerkirche zum allgemeinen Priestertum ist ein Paradigmenwechsel, der als Gedanke so neu nicht ist, jedoch bisher einfach nicht realisiert wurde. Nicht mehr der Pfarrer ist dann der Alleskönner, der Altenarbeit und Jugendarbeit und Predigen und Öffentlichkeitsarbeit und Sitzungsleitung und dieses und jenes macht, und das Ganze mit riesigem Einsatz, im deutschen Durchschnitt arbeiten Pfarrerinnen und Pfarrer 72 Wochenstunden. Aber auch in 72 Stunden können sie nur eine gewisse Arbeit verrichten. Und mittelfristig sind sie furchtbar überlastet. Das ist dann mit ein Grund für die meist verschwiegenen Fakten: Alkoholprobleme in Pfarrfamilien, die Problematik der Ehescheidungen in der Pfarrerschaft, der Depressionen und psychischen Erkrankungen. Einfach weil der Druck so groß ist. Irgendwann ist die Stagnation vorprogrammiert, irgendwann haben sie ihr ganzes Pulver verschossen, und dann warten sie nur noch auf die Rente. Das ist nicht bösartig gemeint, es ist einfach die Struktur dieses Systems. Nicht die Pfarrerinnen und Pfarrer machen Fehler. Das System ist korrupt. Es ist krank, und es macht krank.

Sich vervielfältigen statt zerreißen

Und von daher schlage ich dieses andere Modell vor: Ein Pfarrer versteht sich als Trainer und Begleiter. Ein guter Trainer macht ja nicht nur seine Trainingsstunden, er begleitet diese Menschen auch in ihrem Alltag. Wenn andere so befähigt werden, kann er selbst sich auf seine Stärken konzentrieren – und die Gemeinde hat Wachstumspotenzial.
Die Erkenntnis dahinter ist die: Ein Pfarrer kann sich nicht verteilen, aber er kann sich vervielfältigen. Man könnt sich zerreißen, zerteilen und auf fünf Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wir wissen, das geht nicht. Aber sich vervielfältigen, das können sie.
Vor vielen Jahren hat Fritz Schwarz die Formel geprägt: „Der Pfarrer für die Mitarbeitenden, die Mitarbeitenden für die Gemeinde“. Das ist die Gemeindeformel der Zukunft. Und das ist für mich das Kriterium, wonach ich meine eigene pfarramtliche Tätigkeit bewerte und bewertet sehen will. Einen guten Pfarrer erkennen Sie nicht an seinen tollen Predigten, nicht an seiner Stundenzahl pro Woche, nicht daran, das er ein guter Seelsorger ist, nicht daran, dass er ein toller Manager ist. Einen guten Pfarrer erkennen sie an einer einzigen Sache: an der Mündigkeit seiner Gemeinde. Die Mündigkeit der Gemeinde, das ist der Ausweis, ob das Pfarramt schriftgemäß geführt wird oder nicht.
Wenn Sie an den Strukturen in Ihrer Gemeinde arbeiten, bitte handeln Sie aus Liebe und nur aus Liebe. Die Versuchung ist groß, aus Ungeduld zu handeln, aus Schmerz zu handeln, aus dem Gedanken: „Denen will ich’s jetzt mal zeigen“. Das wird alles scheitern. Was Sie nicht aus Liebe heraus tun, wird scheitern. Prüfen Sie Ihre Motivation und wenn Sie merken: Es ist nicht Liebe, die mich treibt – dann tanken Sie erstmal Liebe, dann lassen Sie sich erst einmal durchfluten von der Liebe Gottes.

Dr. Klaus Douglass (49) arbeitet als Pfarrer, Autor und Persönlichkeitstrainer. Den Link zu seiner Homepage finden Sie auf www. douglass.de

Klaus Douglass/ Fabian Vogt: „Expedition zum ICH - in 40 Tagen durch die Bibel.” Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart und C&P-Verlag, Glashütten 2004, 400 Seiten mit CD; 19,80 €


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