Wie andere uns sehen

Wie andere uns sehen …

Über Kirche wird viel geredet – vor allem in der Kirche. Aber wie werden Christen eigentlich von Außenstehenden wahrgenommen? Die Antworten waren vielfältig – und sind sicher nicht repräsentativ. Claudia Bieneck hat recherchiert.

„Welche drei Begriffe fallen dir zum Thema „Christen“ ein?“ Schon im ersten Gespräch merke ich, die Frage ist falsch. Es geht nicht um Begriffe. Bei diesem Thema geht es immer um Erfahrungen. Und die lassen sich selten in Begriffe fassen, viel eher ist es ein Erlebnis mit einem Pfarrer, oft in einer Krisensituation im Leben. Diese Erfahrungen ergeben dann das Bild von Kirche. Wobei offensichtlich die schlechten schwerer wiegen und leider länger präsent sind als die guten!

Sind Christen weltfremd?

Ich ändere also meine Frage und höre so allerhand Geschichten. Es sind haarsträubende darunter, aber auch so banale, dass ich erstaunt bin, wie lange sie im Gedächtnis geblieben sind. So meint eine Frau, Ende vierzig, Mutter von zwei Kindern: „Christen und Kirche, die sind viel zu streng und viel zu wenig liebevoll.“ So hat sie es in ihrer Kindheit erlebt, das wirkt bis heute nach. Außerdem erlebt sie Kirche als zu wenig offen für die Gesellschaft.
Zu weit entfernt von der modernen Gesellschaft, etwas weltfremd, empfindet auch ein 21-jähriger Student Kirche und die Christen. Er hat eigentlich keine schlechten Erfahrungen, sondern eher gar keine mit Kirche. Obwohl – die gute Gemeinschaft dort nimmt er schon wahr, wenn auch nur von weitem. Manches sei ihm dann doch zu streng.

Engagement für andere

Dass Kirche für andere da ist, vor allem für die, die vom Leben nicht verwöhnt werden, nehmen viele Außenstehende wahr. Eine Mittfünfzigerin lobt die gute Jugendarbeit am Ort. Besonders gefalle ihr, dass Hauptschüler dabei sind. Das findet sie beachtlich, weil das ja nicht überall so gelingt.
Das Engagement der Kirche in Diakonie und Altenpflege wird öfter als persönliche Erfahrung mit Kirche genannt. Gerade Menschen in der Lebensmitte, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern und dabei von kirchlichen Diakoniestationen unterstützt werden, nehmen diese Hilfe dankbar an. Eine Frau meint: „Wenn nicht die Christen da tätig werden, ja wer denn dann?“

Rituale als Lebenshilfe

Diesen gesellschaftsbezogenen Auftrag sieht allerdings nicht jeder. Es gibt zunehmend jüngere Menschen, die gar keinen Bezug zu Kirche haben. Sie haben weder gute noch schlechte Erfahrungen mit Christen gemacht. Kirche hat für sie einen Stellenwert wie etwa ein Verein: Wer sich dafür interessiert, geht hin, wer nicht, bleibt weg. Allerdings lobt eine junge Mutter dann doch die Angebote für Kleinkinder in ihrer Gemeinde. Sie genieße es, zusammen mit ihrem Kind Rituale zu erleben – in der Mutter-Kind-Gruppe oder im Minigottesdienst. Das erinnere sie an ihre eigene Kinderzeit, und das fände sie ganz wichtig für ihr Kind.

Und nun?

Wirklich neu sind die Erkenntnisse nicht. Erstaunt haben mich weder Schauergeschichten noch gute Erfahrungen mit Gottes Bodenpersonal. Kirche wird wahrgenommen, so oder so. Aber wir hinterlassen oft da, wo wir es nicht vermuten, einen prägenden Eindruck auf einen anderen Menschen. Das dürfen wir uns in den Gemeinden immer wieder bewusst machen und als Chance begreifen.


Claudia Bieneck wohnt mit ihrer Familie in Malmsheim und ist immer daran interessiert, genau hinzuhören, wie es dem andern geht.


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