Kann man Gottesdienste bewerten?
Gottesdienste im Vergleichstest?
Kann man Gottesdienste bewerten? Ist das vertretbar? Dr. Thomas Hoffmann-Dieterich ist von der Homepage „Ship of fools“ fasziniert und fragt gleichzeitig: Darf man das?
Sie möchten bei einem Urlaub in England oder den USA einen Gottesdienst besuchen, aber Sie wissen nicht, welche Gemeinde in der Nähe in Frage kommen könnte? Oder möchten Sie den Arbeitern im Weinberg des Herrn auch hierzulande mal ein Feedback geben? Dann gehen Sie auf www.shipoffools.com und lassen sich überraschen.„Ship of fools“ ist eine innovative, freche und fröhliche Webseite, die anonyme Gottesdienstkritiken veröffentlicht. Sie wurde 1998 von christlichen Studenten in Großbritannien gestartet und hat heute einige Tausend Mitglieder aus allen christlichen Konfessionen. Die durch Spenden finanzierte Internet Community ist ein Forum für unkonventionelle und neue Ideen wie z. B. St. Pixels – eine nun eigenständige Community, die Onlinegottesdienste abhält. Eine der populärsten Seiten von „Ship of fools“ ist allerdings der Mystery Worshipper. Dort verfassen etwa 700 registrierte Mystery Worshipper regelmäßig Gottesdienstkritiken. Auch ein Gottesdienst aus unserer Landeskirche wurde 2007 in Esslingen bewertet.
Wie wird man Mystery Worshipper (MW)?
Einfach auf der Webseite registrieren und Fragebogen und MW-Visitenkarte herunterladen. Und dann ab in den nächsten Gottesdienst. Nicht vergessen, vor oder nach dem Gottesdienst-Besuch noch ein Foto von Kirche oder Gemeinde zu machen. Das kommt zusammen mit der Bewertung ins Internet. Die Visitenkarte (siehe Bild) liegt nach dem Gottesdienst übrigens im Klingelbeutel, damit die Gemeinde weiß, dass sie besucht wurde und die Kritik nachlesen kann. Sie kann dann einen eigenen Kommentar dazu veröffentlichen. Der MW-Fragebogen
- Art des Gottesdienstes?
- Wie viele Personen haben teilgenommen?
- Hat Sie jemand persönlich begrüßt?
- Haben Sie bequem gesessen?
- Wie würden Sie die Atmosphäre vor dem Gottesdienst beschreiben?
- Mit welchen Worten wurde der Gottesdienst eröffnet?
- Welche Bücher, Medien wurden im Gottesdienst verwendet ? (Gesangbücher, Bibel, Beamer oder ähnliches)
- Welche Musikinstrumente wurden eingesetzt?
- Wurden Sie von etwas abgelenkt?
- War der Gottesdienst eher steif, konventionell oder eher fröhlich und ungezwungen?
- Predigtlänge in Minuten?
- Wie gut war die Predigt? (Auf einer Skala von 1-10; 10 für himmlisch)
- Das Thema der Predigt in einem Satz zusammengefasst.
- Welcher Teil des Gottesdienstes war herrlich, was eher deprimierend?
- Wurden Sie nach dem Gottesdienst angesprochen, als Sie noch herumstanden?
- Gab es nach dem Gottesdienst etwas zu essen oder zu trinken?
- Könnten Sie sich vorstellen, diesen Gottesdienst regelmäßig zu besuchen?
- Waren Sie nach dem Gottesdienst froh, Christ zu sein?
- An was werden Sie sich in einer Woche noch erinnern?
Darf man das? Zwei Antworten
| Wenn über Gottesdienste nicht mehr gesprochen wird, sind sie tot. Insofern stellt sich nur die Frage nach der Art des Gesprächs. Da fehlt mir beim Fragebogen von „ship of fools“ die Polarität, die das Gegenüber (Gott und die Liturgen) würdigt. Die Fragen sind auf die Befindlichkeit des Betrachters reduziert und finden nicht über die Konsummentalität unserer Tage hinaus. Das Prädikat „himmlisch“ ist im Blick auf die Predigt ein austauschbares Werbeattribut. Es kann auch für den Geschmack von Joghurt Verwendung finden. Ein orthodoxer Christ würde sich die Frage nach der Bequemlichkeit verbitten. Er steht selbstverständlich drei Stunden lang, um die göttliche Liturgie des heiligen Vaters Johannes Chrysostomus mitzufeiern. Er tut es aus Freude an Ostern. Die Konsumentenhaltung macht das Gespräch zum Gerede. Hier hat die württembergische Landeskirche kein Defizit, beim Gespräch aber schon. | Stunden in die Vorbereitung investiert, das Beste gegeben – und dann nur ein paar nette Worte am Ausgang? Was ist angekommen bei den Gottesdienst-Besuchern? Und noch wichtiger: was nervt sie ständig? Bei Licht besehen haben wir nicht einmal in Ansätzen eine wirkliche Feedback-Kultur in Sachen Gottesdienst. Dabei liegt Feedback – auch wenn uns das fremd erscheint – ganz auf der Linie des neutestamentlichen Gottesdienst-Geschehens. Ausdrücklich lobt Lukas die nachforschenden Juden in Beröa (Apg. 17,11) und Paulus will die prüfende Gemeinde als Gegenüber zur prophetischen Rede (1. Thess. 5, 19-22). Feedback heute dann per Internet? Natürlich ist direktes Gespräch vorzuziehen. Aber wie oft findet es statt? Und wie offen wird geredet? Kann sich nicht über eine Bewertung im Netz ein spannendes Gespräch ergeben, was anders werden sollte? Wer mündige Gemeinde will, muss mithelfen, dass sie – so oder so – wirklich den Mund aufmacht. |
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| Dr. Richard Mössinger, Pfarrer in Heilbronn, Vorsitzender des synodalen Gesprächskreis „Evangelium und Kirche“. |
Reinhold Krebs, Landesreferent im ejw, Mitglied im Leitungskreis von Kirche für morgen. |

