Ein echter Hingucker - Jesus sieht uns an

Ein echter Hingucker – Jesus sieht uns an

Jesus hat einen Blick für Menschen. Dieser kann und will uns verändern. Das geht nur, weil er sich selber ganz in die Begegnung investiert. Axel Wiemer überlegt, was wir vom Hingucker Jesus abgucken können.

Die ersten zwei oder drei Sekunden einer Begegnung entscheiden über den Eindruck, den ein Mensch hinterlässt. Wer sich einmal mit Tipps für Bewerbungen befasst hat, weiß das. Er ahnt: Ich bin selber verantwortlich für meinen Erfolg. Willkommen in der Ellenbogengesellschaft.
Aber wir sollten es uns nicht zu leicht machen und auf die Unbarmherzigkeit der Gesellschaft schimpfen. Sind wir anders? Stellen Sie sich vor, Sie lieben Ihre Gemeinde und den Gottesdienst. Beim zweiten Lied schlappt eine Jugendliche hinein. Zerrissene Jeans, rosa Haare, Piercings im Gesicht. Sie lässt sich neben dem ehrwürdigen Kirchengemeinderatsvorsitzenden nieder. Das waren schon zwei Sekunden: Was denken Sie? Dass das Mädchen zur Nachbargemeinde gehört und wegen eines Fahrradplattens zu spät kam in den Gottesdienst, den sie in überparochialem Eifer besuchen wollte? Ach nicht? Warum eigentlich nicht?
 

Wir vergleichen

Machen wir uns nichts vor: Wenn wir andere sehen, vergleichen wir: „Was ist das für eine Tussi, und was will die hier?“ In dieser Frage schwingt mit: Wir wissen, was hier zu wollen ist. Wir sind hier richtig! Ja, überhaupt: Wir sind richtig. Aber die da?
Die Art, wie wir andere wahrnehmen, hängt mit dem zusammen, was wir von uns selbst denken oder jedenfalls denken wollen. Ich will ein guter Christ sein, darum halte ich mich im Gottesdienst an die ungeschriebenen Benimmregeln und verzichte z.B. auf spontane Halleluja-Rufe während der Predigt. Wer das aber nicht tut, hinterfragt mich in meinem Selbstverständnis. Zugespitzt: Ich fühle mich bedroht.

Jesus wagt Selbstkritik

Wie gut, dass Jesus nicht so war und ist. Wie gut, dass er Menschen nicht ausgrenzt, die anders sind als er.
Ein Beispiel. Eine Frau (und wohl auch ein Mann…) ist beim Ehebruch erwischt worden – Johannes 8,1-10 erzählt davon. Bedroht die Möglichkeit des Scheiterns einer Ehe nicht heimlich auch mich und meine Ehe? So verstehe ich die Aggression derer, die damals dabei waren: Sie wollen die Bedrohung aus der Welt schaffen, indem sie die Frau steinigen.
Jesus aber spielt dieses Spiel nicht mit. Im Gegenteil: Er lässt die Anfrage an sich, an alle heran kommen. Er formuliert sie geradezu (Vers 7): „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Einer nach dem anderen geht – hoffen wir einmal, dass sie nicht tatsächlich alle die Ehe gebrochen hatten. Aber jede und jeder erkennt: Auch in meinem Leben gibt es Ungutes. Ich mache mir etwas vor, wenn ich das nur in anderen sehe und bekämpfe. Erst als alle weg sind, spricht Jesus mit der Frau. Und er fordert auch sie zur Veränderung, zur Neuorientierung auf: „Sündige hinfort nicht mehr.“ Redet Jesus so aus einer überlegenen Position? Steht er über den Dingen, bleibt er cool? Lernen wir ein wenig Griechisch:
 

Jesus wagt Sympathie

Das griechische Wort „splanchna“ bezeichnet die Eingeweide oder auch den Sitz der Gefühle, also das „Herz“. Daraus ist ein Verb abgeleitet, das in unseren Bibeln mit „sich erbarmen“, von Luther auch gerne mit „jammern“ übersetzt wird. Das Wort zeigt: Dieses Erbarmen trifft die eigenen Eingeweide, das eigene Herz. „Sich erbarmen“ ist also gerade nicht ein „sich herablassen“. „Sich erbarmen“ heißt, ich nehme mir das Leid, die Not eines Mitmenschen zu Herzen. Ich lasse zu, den Schmerz, bis in mein Innerstes hinein. Solches „Mitleid“ bedeutet wirklich „Mitleiden“. Auf Griechisch: Sympathie.
Das Neue Testament spricht öfters mit diesem Wort von der „Sympathie“ Jesu für die Menschen. Er „sieht“ sie – und dann „jammern sie ihn“ oder (so die Gute Nachricht) „ergreift ihn das Mitleid“. Wie bei der Speisung der 5000: „Jesus sah die große Menge; und sie jammerte ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Markus 6,34). So auch bei der Auferweckung des Jünglings von Nain, die Jesu Reaktion auf das Leid von dessen jetzt völlig allein stehender Mutter ist: „Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!“ (Lukas 7,13).
Die Beispiele lassen sich vermehren. Wenn Jesus andere Menschen sieht, ist es nicht sein erster Impuls, seinen Status im Vergleich zu ihnen zu klären. Er fragt nicht, was sie ihm nutzen könnten oder ob sie ihn gefährden. Er spürt sich sozusagen in sie hinein und lässt ihr Leid, ihre Not, ihren Schmerz an sich heran, ja in sich hineinkommen. Er wagt echte Sympathie.

Augen auf!


In Lukas 10 erzählt Jesus die Gleichnisgeschichte von dem „barmherzigen Samariter“. In Vers 33 kommt dieser zu dem Mann, der unter die Räuber gefallen war, „und als er ihn sah, jammerte er ihn“. Jesus setzt uns diesen Samariter zum Vorbild. Das heißt: Wir sollen wie Jesus echte Sympathie wagen.
Ich teile das Anliegen von Kirche für morgen, für Lebensweltgemeinden einzutreten. Doch darf das auf keinen Fall heißen, dass wir uns in unserer eigenen Wohlfühlnische zurücklehnen. Jesus will uns dafür gewinnen, jeden Menschen als Menschen zu sehen und uns gerade den Notleidenden zuzuwenden. Darüber muss Einigkeit herrschen zwischen Gemeinden verschiedener Frömmigkeitsprägungen und Altersstrukturen: Als Kirche Jesu Christi haben wir eine Aufgabe an unseren Mitmenschen. Verteidigen wir nicht nur, was uns wichtig ist. Wagen wir Sympathie – mit Kindern, die von Hartz IV unter oft zukunftsfeindlichen Umständen leben, mit Flüchtlingen, die an Europas Grenzen um ihr Leben fürchten, mit Menschen, die den Hungertod sterben für unseren Biosprit. Das fängt an mit dem Hinsehen: „Jesus sah die große Menge; und sie jammerten ihn“. Augen auf!


Dr. Axel Wiemer, Schwäbisch Gmünd, lehrt an der dortigen Pädagogischen Hochschule Evangelische Theologie und Religionspädagogik.