Kann Kirche postmodern werden?

Kann Kirche postmodern werden?

Der christliche Grundwasserspiegel unserer Gesellschaft sinkt beständig. Dieser Tatsache ins Auge zu sehen ist nicht leicht. Marc Stippich geht der Frage nach, ob sich auch in postmodernen Strömungen Spuren der Gnade Gottes finden lassen.

Ende der 90er brachen wir mit jungen Erwachsenen aus der Gemeindejugendarbeit zu einer Freizeit nach Mittelschweden auf. Mit dabei war Florian (Name geändert), der einfach mit einer Gruppe Urlaub machen wollte, mit Religion und Kirche aber absolut nichts anzufangen wusste. Er passte mit seiner Art eigentlich gar nicht in unsere Gruppe hinein, war aber bei den Bibelgesprächen immer dabei. Und zu unserer Verwunderung stellte er hartnäckige, ehrliche Fragen. Am meisten beeindruckte ihn, als wir mit ihm beteten und ihn segneten. Er fing irgendwie Feuer und blieb dabei. Durch Höhen und Tiefen – und von letzteren gab es viele – hielt er den Kontakt zu uns. Die Jugendgottesdienste, zu denen er kam, waren für ihn fremd. Aber er kam immer wieder. Er fragte nach, erzählte von seinen Problemen und wir beteten miteinander. Heute, zehn Jahre später, staune ich: Florian hat seinen Weg mit Gott gefunden, trotz der Distanz der christlichen Kultur zu seiner Lebenswelt. Nach wie vor, wenn wir zusammenkommen, möchte er, dass wir gemeinsam beten und ich ihm die Hände auflege.

Religiöser Pluralismus

Es gibt heute viele wie Florian, deren Lebenshorizont mit dem spezifisch christlichen Weltbild kaum Berührungspunkte hat. Menschen, die keinen Glauben haben. Menschen, die nur wissen, dass es eben viele Religionen gibt – Muslime und Buddhisten leben heute ja mitten unter uns. Welchen Glauben man wählt, so das Credo der meisten, sollte man den Leuten gefälligst selbst überlassen.
In den letzten Jahren nimmt das gesellschaftliche Interesse an Religion deutlich wieder zu. Es nimmt aber andere Formen an als früher, ist unübersichtlicher. Und spirituelle Neigungen sind heute oft weit entfernt vom christlichen Gedankengut. Die große Anzahl derer, die von den 68ern geprägt sind, haben meist mit der christlichen Tradition ihre handfesten Probleme.
Ihren inzwischen groß gewordenen Kindern ist das Christliche nicht selten völlig fremd geblieben. Was die jüngere Generation über Religion und Glaube weiß, speist sich am ehesten aus den Medien – Zeitschriftenartikel, Filme, Comics, Blogs, Bücher. Viel gelesen wird Richard Dawkins’ „Gotteswahn“ und Dan Browns „Sakrileg“. Wenn einmal positiv über Religion gesprochen wird, dann nur unter der Annahme, dass die verschiedensten – sprich alle Wege – irgendwie zu Gott führen.

Abschied von der Moderne

Dan Kimball hat in seinem Buch „Emerging Church“ viel Bedenkenswertes zur gegenwärtigen Situation niedergeschrieben. Auch dazu, wie heute Kirche ganz neu entstehen könnte.
Er meint, dass mit der kürzlich erwachsen gewordenen Generation die so genannte Postmoderne im Mittelpunkt unserer westlichen Gesellschaften angekommen ist und die Moderne abgelöst hat. Die Moderne ist von Technik und Aufklärung geprägt und hat seit dem 16. Jahrhundert mehr und mehr das traditionelle christlich-religiöse Weltbild abgelöst. In der Moderne schuf man ein mythenfreies Weltbild aus Vernunft und Logik, das die Welt objektiv erklären sollte. Postmodern betrachtet jedoch gibt es keine objektive Wahrheit mehr, nur unzählige subjektive Lebensentwürfe. Die Unübersichtlichkeit der Lebenswelten, Kulturen und Weltbilder landet über Fernsehen und Internet heute direkt in unseren Wohnzimmern. So lernt, wer erwachsen wird, eine pluralistische Welt kennen. Und es ist ihm selbst überlassen, sich sein Welt- und Gottesbild zusammenzustellen. Viele junge Leute bestehen sogar darauf, dass ihnen da niemand reinzureden hat.
In den Gesprächen mit meinen Konfirmandengruppen taucht Widerstand immer verstärkt dort auf, wo es um die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens geht. Dass Gott uns nur einen Weg zu sich anbietet, über Jesus, das widerspricht allem, was sie in ihrem bisherigen Leben –unbewusst – verinnerlicht haben. Das postmoderne Denken prägt sie hintergründig und nachhaltig.

Erosion des Christlichen

Aber war das nicht schon immer so, dass die Jungen anders denken als die Älteren? Ist das nicht der übliche Generationenkonflikt? Werden diese Jugendlichen nicht auch später irgendwann schon wieder in die Kirchen zurückkehren? Solches Denken relativiert die Herausforderung, vor der wir stehen. Es greift entschieden zu kurz. In die letzte EKD-Mitgliederstudie „Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge“ ist eine Sozialstudie integriert. Dort wird die deutsche Gesellschaft idealtypisch in sechs Milieus aufgeteilt mit unterschiedlichen Denk- und Lebensmustern. Die Studie zeigt klar auf, dass in der Gruppe mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt der größte Anteil an Kirchenfernen zu finden ist. Ein Großteil der jungen Leute ist faktisch nicht mehr kirchlich geprägt! Die innerfamiliäre christliche Erziehung hat rapide abgenommen und die Unkirchlichkeit potenziert sich in die nächste Generation hinein. Wie sollen die christlich erziehen, die das selbst kaum mehr genossen haben? Generell kommen solche neuen kulturellen Epochen nicht über Nacht. Während die einen schon erfasst sind, sind andere noch im alten Weltbild verwurzelt. Trotzdem muss man heute davon ausgehen, dass auch die nicht mehr ganz Jungen (die 35-50jährigen) bereits zu einem Drittel postmodern geprägt sind. Wir werden auch sie mit der üblichen rationalen Art von Glaubensvermittlung nicht mehr ansprechen können.

Der unbekannte liebe Gott

Wie können wir Menschen für den Glauben gewinnen, deren Denken und Erleben ganz anders gestrickt ist als das unsere?
Dan Kimball hat in der Jugendgemeinde, die er mit anderen gegründet hat, in einem Prozess des Suchens, Fragens und Betens vieles ausprobiert. Er ist überzeugt, dass wir Altbewährtes in Frage stellen, neu das Gespräch mit den Menschen suchen und dabei genau hinhören müssen. Schnelle Lösungen finden sich da nicht. Aber Spuren kristallisieren sich heraus: Viele Christen wollen, wenn sie Nichtchristen ansprechen, zunächst einmal Vorurteile abbauen. So versuchen sie z. B., das Bild vom strafenden Gott durch das vom gnädigen zu ersetzen. Nur: Einen strafenden Gott hat die jüngere Generation gar nicht mehr vermittelt bekommen – sie hat schon immer bloß vom lieben Gott gehört. Für einen lieben Gott jedoch, der ihnen unbekannt ist, interessieren sich die Menschen nicht. Wir können Interesse bei ihnen nur wecken, wenn wir ihre eigenen Lebensthemen treffen.

Wonach viele ernsthaft suchen

Mir kommen dazu drei Stichworte in den Sinn: Freundschaft, Lebenshilfe, Orientierung.
Lebenshilfe brauchen Menschen immer wieder, und darin sind wir als Kirche eigentlich ganz gut. Jeder stolpert in seinem Leben über Probleme, die er nicht ohne weiteres lösen kann. Findet er dann jemanden, der ihm praktisch helfen kann? Jemand, der ihm nebenbei von Gott erzählt, der uns gerade in diesen Situationen Kraft und Mut geben kann?
Und Orientierung brauchen Menschen mehr denn je in einer unübersichtlichen Welt. Vor allem junge Menschen schauen sich um: Wer hat einen überzeugenden Lebensentwurf? Wo kann sich Leben entfalten? Wo wird es auch für andere relevant? Wo haben Menschen offensichtlich einen Sinn in ihrem Leben gefunden?
Auf Christen aufmerksam werden solche Menschen in der Regel nicht über Inhalte, sondern über Beziehungen. Über Freundschaften, die wachsen. Die Offenheit und die Bereitschaft, Andersdenkenden freundschaftlich zu begegnen, können Türöffner sein. Für viele ist das vermutlich der einzige Weg, um innere Vorurteile abzulegen und sich auf unseren Glauben einlassen zu können.
Will jemand, mit dem wir in wachsender Freundschaft verbunden sind, dann irgendwann kennen lernen, was unser Leben prägt, kommt er auch mit über die Schwelle der Kirchentür. Dort angekommen, will er es aber vermutlich auch genau wissen.

Kein „Gottesdienst light“

Dan Kimball erzählt von einem jungen Mann, der deutlich sagte: Ich möchte keinen „Gottesdienst light“ erleben, sondern – wenn schon – das volle Programm! Ich will sehen, ob Gott lebendig ist und wie man ihn anbeten kann.
Damit werden in den Gottesdiensten wieder Rituale wichtig. Die Leute schätzen die Wirkung alter Kirchengebäude wieder ganz neu. Wir sollten uns bemühen, eine sinnliche Atmosphäre zu schaffen durch Kerzen und Kreuze, durch sorgfältig gestaltete Kreismittelpunkte oder Altäre. Dazu gesellt sich der Wunsch, selbst aktiv werden zu können. Je mehr die Medienwelt interaktiv wird, desto mehr entsteht das Bedürfnis, nicht nur zu konsumieren, sondern mitzugestalten. Dafür eignen sich offene Gottesdienstphasen, in denen man Gebete schreiben, Kerzen anzünden, das Gespräch suchen und gesegnet werden kann. So bleibt Raum, dass Gott auf individuell verschiedene Weise wirken kann. Die postmoderne Lebenshaltung beinhaltet ein starkes Interesse an Echtheit und Erfahrung und eine neue Offenheit für Rituale. Das steht teils im direkten Gegensatz zu den Gottesdienstformen der „modernen“ Gemeinden wie Willow Creek und anderen, die sich vor ca. 30 Jahren in Abgrenzung zu den traditionellen Gottesdiensten gebildet haben. In der neuesten Willow-Creek-Studie ist aber gerade eines deutlich geworden: Auch die Menschen dort wollen offensichtlich weniger konsumieren, sondern ihre Gottesdienste gern spiritueller und ihr Glaubensleben in mehr Eigeninitiative gestalten.

Unterwegs im Auftrag des Herrn

Kirche definiert sich neutestamentlich nicht als „Gebäude“ und „Institution“, sondern als Gemeinschaft von Menschen, die im Auftrag Jesu unterwegs sind, die sich bewegen lassen zu anderen Menschen hin. Wo Christen vermehrt außerhalb des kirchlichen Milieus Kontakt suchen, wo Gott dort in ihren Beziehungen Freundschaft, Lebenshilfe und Orientierung schenkt, da kann Kirche noch einmal neu und anders entstehen. Wie sie sich dort dann genau organisiert, ist sicherlich ein längerer Prozess. Aber langen Atem braucht immer, wer Neues wachsen lassen will.
Wenn Menschen wie Florian, die kirchlich und christlich nicht „vorgewärmt“ sind, den Weg in unsere Gemeinden finden, ist das immer was sehr Bewegendes. Wenn dieser Weg für sie nur nicht ein so schwerer wäre … Sucht die Kirche nach konkreten Antworten auf die Veränderungen der Gegenwart, schafft sie tatsächlich Raum für neue Lebenswelten, dann kann mitten im Wandel heutiger Zeiten Gottes Gnade neu sichtbar werden. Sind wir bereit, uns dazu in Frage stellen, herausfordern und bewegen zu lassen?
Marc Stippich, Pfarrer in Grunbach im Remstal, schätzt die Gottesdienstvielfalt in unserer Landeskirche und die vielen Begabungen, die dabei in Miedelsbach und anderswo zum Tragen kommen.